By 29. April 2014 Read More →

20-prozentigen Kursrücksetzer im Jahresverlauf einplanen

In vier Wochen werden wir unsere Stimmen zur Europa-Wahl abgegeben haben. In anderen EU-Staaten zwei Tage später. Brüssel münzt im Vorfeld Versagen in Erfolge um. Und die Medien spielen munter mit. Der Stillstand der Märkte in dieser Woche dürfte nur die Ruhe vor dem Sturm sein.  

47 Prozent der Bundesbürger, das hat eine repräsentative Umfrage in dieser Woche ergeben, messen der Europawahl keine oder nur eine geringe Bedeutung zu. Anders formuliert: Knapp die Hälfte der Bürger sind lupenreine politische Ignoranten oder aber von der Sinnlosigkeit der Wahlen dermaßen überzeugt, dass sie nicht (mehr) zu den Urnen gehen werden.

Im Gegenzug werden die Verrenkungen der großen Parteien und der Medien immer akrobatischer, je näher die Wahl rückt. Dazu zwei wunderschöne Beispiele:

Erstens: Der Vorschlag der CSU, künftig bei wichtigen, Europa betreffenden Fragen Volksentscheide nach Schweizer Vorbild durchzuführen, wurde von den Medien mit der Frage beantwortet, ob die CSU nun die AfD beim Populismus noch rechts überholen wolle.

Wie bitte? Ein Volksentscheid ist klarster Ausdruck direkter Demokratie. Seit wann ist Demokratie „rechts“, seit wann sind ihre Verfechter „Populisten“? Was ist passiert in den Köpfen der Zeitgenossen, was mit unserer freien Presse?

Zweitens: „Griechenland erzielt Überschuss“, titelte dpa-AFX am Mittwoch. Wie schön. Aber lassen Sie mich Ihnen einfach ein paar enttarnende Auszüge aus dem Text zitieren: „Athen nahm erstmals seit knapp einem Jahrzehnt wieder mehr Geld ein, als es ausgab – zumindest wenn man die enormen Kosten für den Schuldendienst und Kapitalspritzen herausrechnet.“

Ja, wenn man bei einem bis über beide Ohren in der Klemme steckenden Schuldner die Schulden herausrechnet, dann ist er schuldenfrei und bekommt positive Schlagzeilen. Wie es wirklich aussieht, steht witzigerweise auch im dpa-AFX-Text: „Der griechische Schuldenberg wuchs im vergangenen Jahr weiter an. Das Staatsdefizit stieg 2013 auf 12,7 Prozent der Wirtschaftsleistung (Vorjahr 8,9 Prozent). Das meldete das EU-Statistikamt Eurostat. Der Schuldenstand stieg (trotz Schuldenschnitt) auf 175,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts BIP (Vorjahr 157,2 Prozent).“ Ein neuer Rekordwert.

Wenn so Erfolge aussehen, wie sehen dann Misserfolge aus? Und was meint der griechische Finanzminister Christos Staikouras angesichts dieser Zahlen mit der Aussage, „die Anstrengungen des griechischen Volkes trügen Früchte“? Ist das das Ergebnis der 240 Milliarden Euro an Hilfsgeldern, die Athen seit 2010 erhalten hat? Darf man einmal fragen, wo dieses Sümmchen gelandet ist? Nein, das dürfen nur Rechtsradikale und/oder Populisten. Aber wenn Sie mal zufälligerweise Einblick etwa in die Konten der größten französischen Banken haben sollten, wird sich Ihnen die Frage zum Großteil wie von allein beantworten.

Abschließend zu diesem unappetitlichen Thema noch zwei Zahlen: Eurostat veröffentlichte ebenfalls, dass der staatliche Schuldenberg der Euroländer 2013 von 90,7 auf 92,6 Prozent des BIP gestiegen ist – und das, obwohl sich einige Staaten auf Druck Brüssels regelrecht in die Rezession hineingespart haben. 81 Prozent der Deutschen, so eine in dieser Woche veröffentlichte repräsentative Studie des Meinungsforschungsinstituts INSA, sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht vorbei ist. Nun stellen Sie sich einmal vor, diese Menschen könnten beim Thema Euro oder Europa per Volksentscheid, wie ihn AfD und CSU wollen, einfach mitreden. Geht gar nicht, meint die Große Koalition. Denn das wäre vermutlich der Todestag der Alternativlosigkeit.

USA: Aufschwung, aber wo?

Nachdem die Hinweise auf deutliche Bremsspuren beim chinesischen Wachstum mittlerweile nicht mehr wegzudiskutieren sind, haben die Analysten nun den neuen Aufschwung in den USA entdeckt. Damit befinden sie sich in guter Gesellschaft der Federal Reserve. Denn wie die US-Zentralbank berichtete, ist die Menge der vergebenen Kredite aller US-Banken im ersten Quartal um 135 Mrd. US-Dollar gestiegen. Unter anderem mit diesem Kreditwachstum begründet die FED die Fortsetzung Ihres Rückzugs aus dem Anleihekaufprogramm. So weit, so gut. Nur:

Von den vier größten US-Banken (JP Morgan, Bank of America, Citigroup und Wells Fargo), die zusammen 42 Prozent aller Kredite von Geschäftsbanken repräsentieren, ist die Kreditvergabe im ersten Quartal nur bei Wells Fargo gestiegen (plus 4,1 Mrd US$), bei den anderen Dreien hingegen um, 1,3, 7,4 und 12,0 Mrd. US$ rückläufig gewesen. Wie die Notenbank da auf ein Kreditwachstum von 135 Mrd US$ gekommen sein will, steht in den Sternen.

Die Nachfrage nach Hypotheken (s. Chart) spricht ebenfalls gegen ein Kreditwachstum. Ganz im Gegenteil. Das Interesse an Hypotheken ist jetzt sogar unter das im Zuge der Subprimekrise markierte Tief gefallen.

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Warum aber kommt der Immobilienmarkt nicht in Schwung? Gerade jetzt, wo die Federal Reserve offen ankündigt, dass der Zinstrend in den nächsten Monaten und Jahren tendenziell eher nach oben weisen wird?

Die Antwort ist denkbar einfach. Und Leser Marco L. hat mir dazu am Dienstag einen aufschlussreichen Link geschickt (Danke noch einmal!).  Zusammenfassend lässt sich die ausbleibende Dynamik so erklären: Die Leute würden gerne, aber sie können nicht, da ihnen die Mittel fehlen. 59 Prozent aller Amerikaner verfügen über ein Bruttojahreseinkommen von weniger als 35.000 US$ (25.362 Euro), der Durchschnitt aller amerikanischen Arbeitnehmer kommt nach Berechnungen des Arbeitsministeriums auf jährlich (umgerechnet) 33.650 Euro = 2.804 Euro monatlich. Davon ab gehen Steuern und Sozialabgaben und die im Vergleich zu hier deutlich höheren Lebenshaltungskosten. Vom verbleibenden Rest (if any) lässt sich keine Immobilie erwerben.

Eine zunehmende Bürde für junge Familien stellen aber auch die explodierenden Studienkredite dar, deren Gesamtsumme sich im vierten Quartal 2013 auf den neuen Rekordwert von 1,08 Billionen US$ belief. Hält dieser Trend an, werden die Studienkredite schon bald doppelt so hoch sein wie der Bestand aller Kreditkartenkredite. Wer mit Studienabschluss einen (zumeist) schlecht bezahlten Erstjob findet und dann seine Studienkredite abstottern muss, der braucht sich um den Immobilienkauf wirklich keine Gedanken zu machen.

Arbeitsmarkt bleibt Sorgenkind

Ebenso wie bei der offiziellen und der tatsächlichen Kreditvergabe der Banken klaffen auch am Arbeitsmarkt Daten und Fakten weit auseinander. Die tatsächliche Arbeitslosenquote, wie sie von den Analysten um John Williams (www.shadowstats.com) berechnet wird, schwankt seit Monaten um 23 Prozent.

Auch hier ist klar: Wer keinen Job hat, kann nicht konsumieren und schon einmal gar nicht als Immobilienkäufer auftreten, egal ob er von irgendeiner lausigen Statistik erfasst wird oder nicht. Wo ist er also, der Aufschwung? Sehen wir uns einmal ein paar Daten aus den letzten Wochen an: Reale Stundenlöhne im März minus 0,3 Prozent, Inflationsrate März 0,2 Prozent (Deflationsrisiko), Großhandelsumsätze im ersten Quartal annualisiert minus 1,6 Prozent (Deflationsrisiko), Neubaubeginne im ersten Quartal annualisiert minus 30 Prozent, minus 4 Prozent im Jahr/Jahr-Vergleich, Verkäufe gebrauchter Häuser im ersten Quartal annualisiert minus 24,8 Prozent, minus 6,6 Prozent im Jahr/Jahr-Vergleich, Verkäufe neuer Häuser im ersten Quartal annualisiert minus 9,8 Prozent, minus 3,2 Prozent im Jahr/Jahr-Vergleich, Umsatz bei langlebigen Geschäftsgütern (durable goods) im ersten Quartal annualisiert minus 7,2 Prozent.

Gehen wir doch einfach so vor wie die EU bei Griechenland: Rechnet man aus der US-Rezession den Abschwung heraus, ist er einfach fort. Und der Aufschwung da. Zumindest an der Wall Street. Sieht man es nüchtern, stellen sich die Erfolge der Notenbankexzesse der vergangenen Jahre bestenfalls als äußerst dürftig dar. Und ob in Euro oder Dollar: Sie wurden sündhaft teuer bezahlt. Wirklich profitiert haben einzig die Finanzmärkte. Und damit den Anlegern nicht zu schwanen beginnt, wie weit wirtschaftliche Realität und Kurse mittlerweile auseinander liegen, werden Wasser zu Wein erklärt, aus schlechten Daten positive Schlüsse gezogen, Statistiken manipuliert, Erfolge proklamiert. Und Denkverbote unters Volk und offenkundig auch unter die Medien gebracht statt profunde Aufklärung zu betreiben. Wie es aussieht, ist den Verantwortlichen sehr wohl bewusst, wie die Chose ausgehen wird. Und das wusste auch der österreichische Ökonom Ludwig von Mises schon, dessen Zitat ich seit Jahren an allen möglichen und unmöglichen Stellen ins Bewusstsein der Menschen zu bringen versuche:

„Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems.“ Die Notenbanken dieser Welt haben sich für Letzteres entschieden.

US-Börsen: Am seidenen Faden

Ärgerlich und nicht ganz nachvollziehbar ist, dass mir auch in dieser Woche keine aktualisierten Daten zur Nachfrage nach Börsenkrediten vorliegen. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich einmal von technischen Probleme aus und nicht davon, dass man diese Daten nun bewusst zurückhält oder für irrelevant erklärt. Bei der Geldmenge und beim Help Wanted Advertising Index hat es ja auch das schon gegeben – werden die Daten zu schlecht  oder geschieht Unerwartetes, werden sie nicht mehr publiziert.

Was den S&P 500 betrifft, kann sich aus einer Wochenveränderung von nur gut einem einzigen Pünktchen natürlich keine neue Perspektive ergeben. Der Markt tritt auf der Stelle. Überflüssig zu erwähnen, dass die Wochenbilanz beim DAX da ganz ähnlich ausfiel. „Gefühlt“ haben die Anleger vermutlich eine negative Woche, was aber einfach nicht so war und zum Großteil auf die Berichterstattung zur Ukraine zurück zu führen ist.

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Ähnlich unspektakulär verlief auch die Wochenausbeute des NASDAQ 100, der ebenfalls nur rund einen Punkt vom letzten Wochenschluss abwich.

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Bei beiden Indizes lohnt der Blick auf den Momentum-Indikator. Nach ausgeprägten negativen Divergenzen steht er nun unmittelbar vor dem Wechsel auf die Verkaufsseite (unter 100). Damit bleibt das technische Bild unverändert: Der Markt trocknet „von innen“ erkennbar aus, bleibt aber noch im Bullenmodus. Die Perspektive für dieses Jahr lässt jedoch erwarten, dass wir einen vermutlich sehr dynamisch verlaufenden Absturz auf die seit 2009 bestehenden Aufwärtstrendlinien erleben werden, was x mal Pi mal Paddelboot einem Kursrückgang von 20 Prozent entspräche. Kommt es zu einem derartigen Rücksetzer, muss abgewartet werden, welche Dynamik die computergesteuerten Handelsprogramme lostreten, über die ja heute rund 80 Prozent der gesamten Umsätze an der Wall Street abgewickelt werden.

Gründe, die Putkarte auszuspielen, sehe ich nicht. Andererseits signalisiert der Momentum-Indikator für alle US-Indizes Gefahr im Verzug. Und Verkaufssignale an der Wall Street sind immer auch Verkaufssignale für die deutschen Aktienindizes. Wenn man sich die Charts von DAX, MDAX, TecDAX und SDAX dieses Jahres ansieht, gab es bisher nur ein wildes Zickzack. Volatile Seitwärtsbewegungen dieser Art sind so mit das Mieseste, was der Markt zur Verfügung hat. Aber so ein Zickzack ist ja auch eine klare Ansage:

Hier läuft ein Entscheidungskampf! Und letztlich gewinnen werden ihn die Bären. Denn der Blütenzauber der Notenbanken kann nur in ein Debakel einmünden. Und an diesem Debakel wollen wir ordentlich verdienen!

China: Fünf vor Zwölf

Nach dem chinesischen Horoskop befinden wir uns seit dem 31. Januar im „Jahr des Pferdes“. Temperamentvoll und unruhig soll es werden. Sehe ich mir den nebenstehenden Chart des Shanghai Composite an, scheint sich das Pferd allerdings auf recht morastigem Untergrund zu bewegen. Denn bei 2.000 Punkten – und das ist nur einen Schnaps weit entfernt – verläuft eine in den letzten Jahren entstandene, waagerechte Unterstützung, deren Abwärtsbreak vermutlich fatal wäre.

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Nicht nur für den chinesischen Aktienmarkt. Ein Signal, dass der bisherige Hoffnungsträger des viel beschworenen Aufschwungs am Aktienmarkt ein neues Verkaufssignal setzt, wäre durchaus geeignet, die potentiellen Verkaufssignale auch an der Wall Street auszulösen. Also: Aufpassen. Ich hatte den Chart ja unlängst schon einmal vorgestellt, nun aber steht es wieder Spitz auf Knopf!

Silber: Entscheidung ohne Ausweg

Zum Silberchart erübrigen sich m. E. eigentlich alle Kommentare. Bricht die seit Sommer letzten Jahres etablierte Unterstützung, stellt ein eng abgestoppter, lang laufender Put so etwas Ähnliches wie eine Lizenz zum Geldverdienen dar. Gelingt der Befreiungsschlag über die langfristige Abwärtstrendlinie, gilt das umgekehrt ebenso für die Callseite.

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Sie sehen: Nach dem nervigen Hin und Her seit Jahresbeginn befinden sich nun (endlich) unausweichlich neue Trends in der Pipeline. An den Aktienmärkten, bei Silber und (letzte Woche besprochen) auch beim Euro. Das ist doch schon einmal eine verbesserte Perspektive. Denn richtungsloses Hin und Her plündert entweder nur die Kasse oder verführt zur irrigen Annahme, dass es nun nichts mehr zu verdienen gibt.

ZUSAMMENFASSUNG

Was die Darstellung der „Euro-Rettung“ seitens Politik und Medien betrifft, fehlen einem mittlerweile fast die Worte. Demokratie ist das neue Schreckgespenst der EU. Nicht anders sieht es beim „Aufschwung“ in den USA aus. Es gibt ihn nicht, wie die harten Fakten belegen.

Schrecken ohne Ende oder Ende mit Schrecken? Die Notenbanken haben sich für den zweiten Weg entschieden. Richten Sie sich auf Ruppigeres ein. 2014 sollte uns einen (mindestens) 20-prozentigen Kursrücksetzer bringen. Aus Sicht der Technik könnte das Spektakel durchaus rasch gestartet werden. Weiterhin sehr interessant: Silber und EUR/USD. Bei beidem geht es nicht um kleine Swings!

Ihnen allen viel Erfolg an der Börse!

Axel Retz

About the Author:

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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