By 22. Mai 2013 Read More →

Stoppkurse sind erste Anlegerpflicht

Im Mai 2003 veröffentlichte ich eine über 130seitige Analyse zu den Perspektiven der Finanzmärkte: „Auswege aus der finanziellen Apokalypse“. Politik und Notenbanken sind einen anderen Weg gegangen. Und die Börsen jubeln. Noch.

 

Wer eine Analyse zu den Perspektiven der Aktienmärkte verfasst, sammelt in der Regel sorgfältig Fakten, schaut sich Charts an, sichtet und prüft die Argumente und zieht daraus letztendlich seine Schlüsse. In der Regel, wie gesagt.

Heute kann ich mich allerdings immer öfter nicht mehr des Eindrucks erwehren, dass das Pferd von hinten aufgezäumt wird. Fest steht von vornherein, dass die Börsen immer weiter steigen werden. Und dann bastelt man sich die Argumente, die das unterfüttern sollen. 10.000 und dann 20.000 Punkte las ich in der abgelaufenen Woche als Kursziele für den DAX. Und die „Argumente“ werden immer sonderbarer. Einige Kostproben:

Der DAX, so war zu lesen, muss weiter steigen, weil er ja als Performance-Index berechnet wird. „In Wirklichkeit“, also als Kursindex berechnet, stehe er ja noch meilenweit unterhalb seines im Jahre 2000 erreichten Allzeithochs.

Das tut er in der Tat, wie der abgebildete DAX-Kursindex zeigt. Aber warum bitte kann daraus der Schluss gezogen werden, dass es deswegen jetzt weiter aufwärts gehen muss? Ebenso könnte der Verfasser auch zum Kauf von Aktien der Commerzbank oder der Deutschen Telekom raten, denn die liegen bekanntermaßen sogar noch viel weiter unter ihren alten Hochs.

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Und anders herum: Wäre der Verfasser nicht bullish, sondern bearish voreingenommen, könnte er mit dem gleichen Recht argumentieren, dass der DAX schrecklich viel Luft nach unten habe, da die alten Tiefs ja noch so weit entfernt sind. Hier haben wir es also mit dem klassischen Fall einer Schein-Argumentation zu tun, die sich daran abmüht, den Anlegern das zweifellos teilweise herrschende Unwohlsein ob des neuen Hochs zu nehmen, das so gar nicht zu den Konjunkturdaten passen will.

Es geht aber noch sonderbarer: Ebenfalls zu lesen war in der letzten Woche, dass der DAX inflationsbereinigt noch lange kein neues Hoch erreicht habe – und deswegen natürlich weiter steigen müsse. Und am verrücktesten: Gemessen an der Geldmengenausweitung der Notenbanken relativiert sich der neue DAX-Rekord noch viel weiter nach unten. Die Schlussfolgerung auch hier: Es muss weiter nach oben gehen.

Zusammengefasst sieht die Argumentationslinie der Bullen derzeit also so aus: Die Anhänger des „normalen“ DAX, also des Performance-Index, gehen davon aus, dass es für die Börse gar keinen überzeugenderen Einstiegsgrund geben kann als die neu erreichten Allzeithochs. Und die anderen argumentieren, dass die Kurse steigen müssen, weil ja noch gar kein regulärer neuer Rekord zustande gekommen ist. Natürlich können die Kurse theoretisch weiter steigen, dann aber aus einem ganz anderen Grund: zuviel zu billiges Geld!

 

Füttre mich, sonst fress ich Dich!

Heute ist es fast auf den Tag genau zehn Jahre her, dass ich im Mai 2003 meinen Kapitalschutz-Report „Auswege aus der finanziellen Apokalypse“ veröffentlichte. Und dort schrieb ich auf Seite 58: Zitat Anfang:

„Neue Kredite werden vergeben, um alte zu tilgen. Diese private, unternehmerische und staatliche „Defizitfinanzierung“ macht durchaus Sinn, wenn die laufenden Einnahmen nur kurzzeitig hinter den Ausgaben zurückbleiben. Verselbständigt sich das „Deficit spending“ jedoch, ohne dass seine Ursachen eingedämmt werden, stülpt es einen größeren Kredit über einen kleineren, Zinsverpflichtung auf Zins- und Zinseszinsverpflichtung. In Zeiten fallender Zinsen und einer anhaltenden Bereitschaft der Gläubiger zur Kreditvergabe „schmiert sich“ dieses System quasi von selbst, ohne dass der Mehrzahl der Beteiligten das entstehende Risiko zunächst bewusst wird. […]

In der Konsequenz führt eine derartige Struktur zu einem Ergebnis, dessen prekären Zustand sowohl die Gläubiger als auch die Schuldner erkennen. Beide Seiten haben jedoch keine Chance mehr zum kompletten Ausstieg aus dem Kreislauf der Kreditvergabe, da dieser Ausstieg den umgehenden Zusammenbruch des Kreislaufs zur Folge hätte und damit auch ihr eigenes wirtschaftliches Überleben in Frage stellen würde. Für die Gläubiger bedeutet das die beständige Verpflichtung, schlechtem Geld noch gutes hinterher zu werfen, für die über ihre Verhältnisse lebenden Schuldner die Verpflichtung, alte Kredite und Zinslasten durch neue, beständig größer werdende abzulösen. Der ultimative Abpfiff dieses Spiels rückt näher, wenn die Zinsen zu steigen beginnen. […]

Realistischerweise muss gefolgert werden, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass ausgerechnet diejenigen Beteiligten, die die Systemkrise sehenden Auges provoziert haben und ihren Auswüchsen nun hilflos gegenüber stehen, nun in der Lage sein werden, eine Lösung des Problems zu bewerkstelligen.[…]

Der 1987er Crash war eine Krise innerhalb des Systems, die kommende Entwicklung ist die Krise des Systems. Seien Sie gewarnt!“ Zitat Ende

 

Wie gesagt, diese Ausführungen sind zehn Jahre alt, das Wort Systemrelevanz war noch nicht erfunden und die Notenbanken druckten die Geldnoten sozusagen noch mit der Typenhebelschreibmaschine. Und leider hat es sich bewahrheitet, dass die Verantwortlichen die Krise zuerst nicht erkannten und die später nicht eingrenzten, sondern mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit auf die Spitze trieben. Vorgestern kam diese Erkenntnis auch beim deutschen Finanzminister an, der vor laufenden Kameras wissen ließ, dass „zu hohe Liquidität Fehlanreize“ setze. Ach ja? Wo kommt denn diese Liquidität her, Herr Schäuble? Vor wenigen Tagen legte der IWF nach und warnte vor der Beendigung der unkonventionellen Politik der Notenbanken. Und schließlich meldete sich Bundesbankpräsident Weidmann in einem Interview für „BILD am Sonntag“ zu Wort und stellte die Frage, ob es wirklich eine gute Idee sei, wenn „wir alle gegenseitig für unsere Schulden haften“.

Nein, es ist keine gute Idee. Und es ist auch eine absurde Idee. Alle Euro-Staaten sind überschuldet. Glaubt wirklich irgendjemand, dass die gegenseitige Haftung daran etwas ändern würde? 17 Pleiteländer ziehen sich gegenseitig aus dem Sumpf? Niemand kann mehr für diese Schulden haften – einmal ganz abgesehen vom eklatanten Verstoß gegen die Verträge von Maastricht und Lissabon. Und wir wird es ausgehen? Auch das habe ich vor zehn Jahren in meinen Report geschrieben. Und zwar mit dem Zitat des österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises:

„Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems […]“

Heute wissen wir, für welchen der beiden Wege sich Politik und Notenbanken entschieden haben. Und nein, und das war keineswegs alternativlos. Heute jedoch hat sich der Schuldenfraß dermaßen im Organismus der Weltwirtschaft festgesetzt, dass es keine Operation mehr gibt, die ohne den Tod des Patienten durchführbar wäre. Die Notenbanken sind dazu verdammt, ihren dekadenten Kurs fortzuführen. Und wehe, wenn sie damit einmal aufhören. Und das werden sie, denn hinter den Kulissen tobt bereits ein harter Kampf.

 

DAX: Die Rekorde purzeln

Während es nach allem Gesagten nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis uns die völlig außer Kontrolle geratene Rettungsorgie, die heute als Problem mindestens genau so gefährlich ist wie das, was sie bekämpfen wollte, buchstäblich um die Ohren fliegt, profitieren die Märkte noch davon.

Und natürlich macht es keinen Sinn, sich dagegen zu stemmen. Umso wichtiger ist es aber, eben nicht nur nach oben zu schauen. Sondern auch auf die sich permanent erhöhenden Risiken. Eines davon sehen Sie im nebenstehenden Chart, den ich in ähnlicher Form gestern bei einem geschätzten Kollegen gefunden habe und der es mir wert war, ihn nachzubauen. Die eingekreisten Tage im abgebildeten Candlestickchart sind die Verfalltermine für Futures und Optionen an der Eurex.

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Wie Sie erkennen, stellen diese Tage auffällig oft Wendepunkte für den DAX dar. Den feiertagsbedingt sehr umsatzschwachen Pfingstmontag lassen wir da einmal außen vor. Danach sehen wir weiter. Zieht die Wall Street weiter an, wird der deutsche Aktienmarkt natürlich folgen. Sieht man zurück auf die letzten zwanzig Jahre Börsengeschichte oder auch noch „ein wenig“ weiter, dürfte recht klar sein, wie die gegenwärtige Liquiditätshausse endet. Wobei zu befürchten steht, dass der Knall diesmal etwas lauter ausfällt. Damit meine ich nicht, dass Sie jetzt DAX-Puts kaufen sollten. In meinem „Kapitalschutz -Brief“ beispielsweise, der ja eher konservativ ausgerichtet ist, befindet sich gegenwärtig eine Longposition auf den DAX, keine Shortposition.

Aber Sie sollten sich mental darauf einrichten, dass ein neuer großer Knall vermutlich viel, viel näher ist als die Optimisten glauben. Stoppkurse sind also erste Anlegerpflicht. Am 3. Mai, also dem zweiten Handelstag des Monats las ich eine etwas spöttisch geschriebene Kolumne, in der der Autor die „Sell in May“-Regel belächelte. Da kann ich nur sagen: Es heißt ja nicht „Sell in April“, sondern eben in May. Und der dauert noch ein paar Tage.

 

Viel Erfolg und beste Grüße!

 

Axel Retz

www.private-profi ts.de

 

 

 

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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