By 29. Januar 2015 Read More →

Öl, DAX, Euro – Richtung Süden ist viel Platz

Jaja. Tralala. Die EZB macht ihr Ding. Der Mario kauft nun Staatsanleihen. EU-Verträge, ach was. Und Troika und Kanzleramt schieben die Wirtschaft schnurstracks in Richtung Deflation. Unten, da bei der Kaufkraft, de fehlt es eben. Macht alles nichts: Wir haben ja auch andere Spielfelder.

Liebe Leserinnen und Leser,

falls Sie, was ich nicht hoffe, finanziell notorisch klamm sind oder zumindest jemanden kennen, auf den das zutrifft, ist Abhilfe vielleicht näher als Sie denken. Tun Sie es doch einfach einem Staat wie den USA oder Japan oder auch einem Staatenverbund wie der EU gleich! Das geht so:

Stellen Sie auf Ihrem Konto einen monetären Unterdruck fest und ist abgesehen von der Bank auch sonst niemand mehr bereit, Ihnen Geld zu pumpen, dann bitten Sie doch einfach Ihre Gattin, Ihnen das Benötigte auszuleihen. Vermutlich wird Ihre Gattin das nicht können. Macht nichts. Erklären Sie ihr flugs den Umgang mit einem Drucker und lassen Sie die benötigten Banknoten von ihr fertigen. So viele, wie erforderlich.

Im Gegenzug versprechen Sie Ihrer besseren Hälfte, ihr dafür auch einen regelmäßigen Zins zu entrichten und das Geliehene bei Fälligkeit selbstverständlich in voller Höhe zurückzuzahlen. Sollten Sie weder zu dem einen noch zu dem anderen in der Lage sein, bitten Sie Ihre Gattin einfach, Ihnen weiteres Geld zu drucken, mit dem Sie Ihre Zusagen einhalten können. Und so weiter und so fort.

Fast genauso funktioniert die heutige Staatsfinanzierung der größten westlichen Industrienationen. Mag einem niemand mehr etwas leihen oder wachsen einem die Schulden über den Kopf, wendet man sich einfach an seine Gattin – hier in Form der Notenbank, die die Kapitallücken schließt, die Schulden damit vergrößert, die neuen Lücken wieder schließt, die Schulden damit noch weiter erhöht usw.

Der größte Gläubiger der USA sind sozusagen sie selbst. Und bei anderen Staaten geht es ähnlich eigenartig zu. In den Adelsstand erhoben wird diese wundersame „Geldpolitik“ durch die Vokabel Geldwertstabilität. Zutreffender wären natürlich Begrifflichkeiten wie Schneeballsystem, Kreditbetrug, Luftbuchungen und Wechselreiterei.

Die Auswirkungen der von den Börsen mit so viel Tamtam erwarteten Anleihekäufe durch die EZB (siehe meine Kommentierung der Vorwoche) lassen sich relativ leicht abschätzen: Bei der Wirtschaft und der Konjunktur kommen sie nicht an. Der Bedarf an Krediten ist einfach nicht da. Und ob nun zehn oder 100 Euro abrufbereit auf einen Kreditnehmer warten, den es nicht gibt, ist irgendwie Jacke wie Hose. Die EZB-Geldflut ist damit die Frage auf eine Antwort, die niemand gestellt hat. Warum aber springt die Kreditfrage nicht an?

Ganz einfach: Weil die Unternehmen nicht investieren wollen. Vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos ermittelte die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PWC, dass nur 16 Prozent der europäischen Unternehmensführer für 2015 mit einer positiven Entwicklung rechnen.

Natürlich ist es beängstigend, dass 16 Prozent der europäischen Unternehmer das aktuelle Geschehen und seine Auswirkungen nicht richtig einschätzen können, in den USA und den asiatischen Ländern liegt dieser Prozentsatz allerdings noch deutlich höher.

Zu einfach für Studierte

2003 hatte ich meinem „Kapitalschutz-Report“ die alte Frage vorangestellt, ob der allmächtige Gott einen Stein erschaffen könne, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht mehr tragen kann? Sehr gemeine Frage, zugegeben. Der Lump, der sie sich ausdachte, war aber nicht ich, sondern Epikur, der der Geschichtsschreibung zufolge 270 v. Chr. verblich.

Tja. Daran haben sich auch angeblich kluge Geister die Zähne ausgebissen. Meine Antwort wäre, dass es für einen Gott, der in der Lage ist, Geschöpfe zu erschaffen, die sich solch ein Paradoxon ausdenken könne, wohl kaum ein Problem sein dürfte, auch diese alte Frage zu lösen.

Die Frage hingegen, wie man mit dem Totschlagargument der Wettbewerbsfähigkeit eine Wirtschaft stimulieren will, wenn man gleichzeitig Löhne und Renten drückt und den Anlegern bei Festverzinslichen eine Minusrendite einbrockt, ist schon ein anderes Kaliber.

Die EU, die EZB, der IWF, zusammen unter dem Namen „Troika“ auftretend, allen voran aber die Bundeskanzlerin fordern von Athen eine strikte Einhaltung der Reformbemühungen. Was aber ist gemeint mit „Reformen“?

Reformen heutiger Lesart bedeuten, die Produktionskosten der Wirtschaft eines Landes so weit abzusenken, dass es im internationalen Wettbewerb mithalten und die Preise anderer Länder nach Möglichkeit sogar unterbieten sollte. Was dabei herauskommt, wenn das alle tun, ist eigentlich gar nicht so schwer zu verstehen, sollte man meinen. Aber anscheinend ist es für Absolventen eines Wirtschafts- oder Politikstudiums doch nicht zu ergründen.

Das Ergebnis eines globalisierten Wettlaufs um die Wettbewerbsfähigkeit sind sinkende Einkommen = sinkende Kaufkraft, (zuerst) steigende Unternehmensgewinne, die aber kippen, wenn die Käufer ausbleiben, deflationärer Preisdruck, damit die Notwendigkeit weiterer Lohnkürzungen etc. etc. Verkürzt gesagt, zimmert sich die Politik selbst eine deflationäre Abwärtsspirale, die dann von den Notenbanken bekämpft werden muss. Erfolglos, da Unternehmen, denen die Käufer ausbleiben, überhaupt keinen Bedarf für neue Investitionen haben.

Um das Ergebnis dieser Politik zu sehen, müssen wir nicht nach Griechenland schauen. In einer veröffentlichen Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden trag zutage, dass 2013 3,1 Millionen Erwerbstätige armutsgefährdet sind – 25 Prozent mehr als 2008. Diese Entwicklung im reichsten und wirtschaftlich prosperierendsten Euro-Land spricht Bände. Und um abzuzählen, wie es in einigen anderen Euro-Ländern aussieht, braucht man nicht einmal fünf Finger.

Absolute „No goes“ für jeden Privatanleger

Von einem meiner Leser fand ich einen etwas dickeren Umschlag in meinem Briefkasten. Herr Dieter K., 80 Jährchen jung, hat bei einem Schweizer Kapitalunternehmen 10.000 Euro „angelegt“. Und dabei wohl auch der Durchführung von Futuresgeschäften zugestimmt. Die von diesem Unternehmen in seiner aktuellen Außendarstellung ausgewiesene Performance fand auf seinem Konto nicht statt.

Stattdessen erhielt er nun eine Nachschussforderung (Margin Call) in Höhe von 71.183,61 Euro. So gut wie sicher ist davon auszugehen, dass das Schweizer Finanzhaus in Spekulationen in EUR/CHF unterwegs war. Auf der falschen Seite natürlich.

Futures (Terminkontrakte), Stillhaltergeschäfte auf Optionen und CFDs sind Börsengeschäfte, von denen ich jedem Privatanleger grundsätzlich abrate. Der Totalverlust des eingesetzten Kapitals ist schon einmal ein Unding. Aber die theoretisch unbegrenzte Haftungspflicht des Anlegers für weitergehende, wie im vorgestellten Fall ein Vielfaches der Anlagesumme überschreitende Verluste bedeutet schlichtweg unkalkulierbare Risiken.

Wie ja mittlerweile bekannt, haben auch viele deutsche Kommunen durch den Coup der Schweizer Notenbank Millionen versenkt. Wie dämlich muss man als Kämmerer eigentlich sein, wenn man sich in Anbetracht des gegenwärtigen Zinsniveaus ein Währungsrisiko an die Backe klebt? Da fehlen mir die Worte!

Ich habe Herrn Dieter K. tel. geraten, sich an die Kanzlei Gröpper und Köpke in Hamburg zu wenden (www.bankrecht24.de). Bei der Aufklärung des EECH-Skandals 2008 hatten wir uns kennengelernt. Falls Sie selbst einmal justiziable Angelegenheiten wegen Ihrer Anlagen juristisch kompetent aufarbeiten lassen müssen, kann ich diese RAe besten Gewissens empfehlen. Und: Nein, ich bekomme keine Vergütung für diese Empfehlung und auch kein Häppchen von den Anwaltsgebühren! Ich nenne nur Leute, die ihr Geschäft verstehen. Juristen, die das nicht tun, haben mich schon viel Zeit gekostet.

EUR/GBP: Bruch

In der vergangenen Woche hatte ich Ihnen an dieser Stelle unter anderem die Sondersituation bei EUR/GBP vorgestellt. Das britisch  Wirtschaftswachstum ist, wie das der u. a. auch der USA, vor allem einer höchst kreativen Statistik zu verdanken, die mit der Wirklichkeit der sgn. Durchschnittsbürger allenfalls zufällige Schnittmengen hat.

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In meinem Börsendienst Secretz, der sich auf kurze Meldungen beschränkt und nur das widerspiegelt. was ich selbst bis zu ihrem 18. Lebensjahr für das Konto meiner kleinen Tochter handele, sind wir zum Wochenstart im Euro gegen das Pfund short gegangen. Und ich habe den Stopp auf den Kaufkurs nachgezogen. Wir traden und bei Secretz nicht den Wolf. Warum auch? Abgesehen von den Empfehlungen, die dank des rasch adjustierten Stopp-Kurses gleich einmal wieder ausgebremst wurden, haben wir 2014 (Start des Briefs im Februar) neun von zehn Positionen entweder positiv abgeschlossen oder sind in ihnen (mit ständig nachgezogenen, gewinnsichernden Stopps) noch engagiert. Anleger, für die diese gelassene und bisweilen aus gutem Grund auch „inaktive“ Strategie der Anlage interessant ist, finden sie unter www.secretz-online.de.

Kupfer: Dr. Copper ist bearish!

Dass seine Rolle als Konjunkturindikator Kupfer im US-Raum den schmeichelhaften Titel „Dr Copper“ eingetragen hat, hatte ich hier ja bereits mehr als einmal vermittelt, als ich auf die Short-Chance für dieses Industriemetall hinwies. In eben zitierten Börsendienst Secretz habe ich am 16. März den Einstieg in einen sehr defensiven Kupfer-Put empfohlen. Ich mag es da eben so ganz und gar nicht aggressiv oder aktionistisch.

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Nun ging dieser Kupfer-Put mit einem Gewinn von 48,97 aus dem Handel. Rechnerisch. Denn die Position ist ja weiter aktiv. Und es bleibt nichts zu tun, als die Stopps zu aktualisieren. Und dafür gibt es nun mal meine „Eilmeldungen“. Im Bereich 5.200 – 5.300 US$/to. stößt der Kupferpreis auf die seit ddm Tief von 2002 etablierte Aufwärtstrendlinie. Aktuell sehe ich nichts, was einen Trendbruch in Frage stellen würde. Die Weltwirtschaft ist a. A., sozusagen. Wer in Kupfer noch nicht auf der Shortseite unterwegs ist, sollte es beim Break der Aufwärtstrendlinie ins Auge fassen!

Rohöl: Zweites Hämmerchen

Am Samstag letzter Woche hatte ich Sie darauf hingewiesen, dass ich beim Rohöl (Brent) erstmals seit Sommer des vergangenen Jahres im Wochenchart eine potentiell bullishe Formation (ein „Hammer“) gezeigt hatte.

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Und ich hatte betont, dass es hier nun erst wieder bullish werden würde, falls der Ölpreis per Saldo einen deutlichen Terraingewinn erzielen könnte. Das hat er nicht. Als Hinterlassenschaft der vergangenen Woche sehen wir im aktuellen Chart lediglich einen zweiten, weniger ausgeprägten „Hammer“. Ein Switch der von mir hier seit langem empfohlenen Öl-Puts ist daher nach wie vor nicht angesagt. Auch markttechnisch gibt es momentan nichts, was eine Trendwende befürworten würde. 35 US$/barrel sind also weiter möglich. Kommen klare Wendesignale, werden Sie es erfahren.

DAX: Optisch erste Klasse!

Böse, ganz böse Stimmen zum EZB-Entscheid hegten den natürlich auch sehr bösen Verdacht, dass der verbotene Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB, der die Notenbank herzlich wenig interessiert, zwar nicht in der Realwirtschaft ankommt, wohl aber an den Aktienmärkten.

Raffiniert! Ist ja auch eine ganz neue Erkenntnis! Dass der DAX angesichts der Wirtschaftssituation inkl. des sich verschärfenden Konflikts in der Ukraine ab jetzt nur noch die Richtung nach oben kennen wird, halte ich allerdings für eine ausgesprochen wagemutige Wette. Oder für etwas dümmlich, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben.

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Warum? Sehen Sie sich einmal den nebenstehenden Wochenhart an. Der Wiedereintritt des DAX in den grün markierten Haussekorridor ist in der Tat sehr bullish.

Der Money Flow-Indikator, der uns verrät, ob die großen Akteure am Markt die Hausse eher zum Kaufen oder zum Verkaufen nutzten, spricht eine ganz andere Sprache: Man geht heraus aus dem DAX und sichert sich die Gewinne. Eine klare Sache, wie ich meine. Lassen Sie die Finger vom DAX! Alternativen hatte ich Ihnen ja aufgezeigt.

ZUSAMMENFASSUNG:

Vom Aktienmarkt beklatscht, hat die EZB nun ihren Offenbarungseid abgelegt. Rechtswidrig. Aber beim „Retten“ des Euros gibt und gab es ja nie irgendetwas, an das sich gebunden fühlte. Nicht in Berlin, nicht in Brüssel.

Aus dem Euro heraushalten muss man sich derweil nicht. In EUR/GBP hatte ich Ihnen einen Trade empfohlen. Aus dem DAX sollte man sich m. E, heraushalten. Wenn die big player Kasse machen, sollten Sie das auch tun! Kupfer: Wie seit langem empfohlen!

Viel Erfolg und beste Grüße

Axel Retz

About the Author:

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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