By 24. März 2013 Read More →

Aufwärtsbewegung am seidenen Faden

Einer für alle hatte der Euro werden sollen. Heute sind es viele, die ihn nicht mehr wollen. Und andere, die ihn vielleicht bald verlieren werden. Die Verknüpfung von Euro und Europa aber bleibt unsinnig. Und die Märkte könnten – so oder so – profitieren!

 

  

 

Über Zypern ist in der vergangenen Woche dermaßen viel geschrieben und geplaudert worden, dass so mancher vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Fassen wir es also erst einmal kurz zusammen. Ein EU-Staat benötigt zur Vermeidung seiner bzw. richtiger der Insolvenz seiner Banken rund 17 Milliarden Euro.

Dass sich Banken im Umgang mit Geld klarer oder unklarer Herkunft weltweit etwas schwer tun, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Bei einer Einwohnerzahl Zyperns deutlich unterhalb der etwa Münchens scheint das fehlende Sümmchen aber doch etwas beunruhigend.

Also ein klarer Fall für Brüssels Meisterstrategen, die neben Schirmen auch mit Paketen, randmauern und Bazookas operieren. Für Zypern dachten sich die EU-Finanzminister aber etwas ganz Besonderes aus: Eine raffinierte Mischung aus alt und neu. Alt war, dass die No Bailout-Klausel des Maastricht- und Lissabon-Vertrages mittlerweile sehr eindeutig als Bailout-Klausel uminterpretiert wird: Reiten sich ein Euro-Land oder seine Banken in den Schuldensumpf hinein, haben die anderen gefälligst Sorge dafür zu tragen, dass sie dort wieder herauskommen.

Gab es bei Griechenland gegen diesen Vertragsbruch noch heftige Proteste, haben sich die Bürger mittlerweile daran gewöhnt, dass EU und EZB es zu einer gewissen Routine darin gebracht haben, hinderliche Gesetze oder Statuten elegant zu umgehen.

Neu beim „Rettungspaket“ für Zypern, das dem Land in einer regelrechten Nacht- und Nebelaktion aufs Auge gedrückt wurde, war der Angriff auf die Sparer des Landes. Und die dafür  nachgeschobenen Argumente sind ebenso dumm wie platt.

Wenn wie zu vermuten die Banken Zyperns einen Großteil ihrer Geschäfte mit fragwürdigen Geldern aus dunklen Kanälen und Steuerhinterziehung betreiben, dann gehören diese Geschäfte ausgemerzt, das Kapital beschlagnahmt und nicht mit einer als Solidarabgabe bezeichneten „Vorzugssteuer“ legalisiert! Und wenn die EU geplant hatte, Einlagen bis zu 99.999,99 Euro mit 6,75 Prozent, Einlagen ab 100.000 Euro aber mit zehn Prozent Abgabe zu belegen, dann muss sie sich fragen lassen, wie sie dazu kommt, für einen Cent mehr an Einlagesumme 2.750 Euro mehr abkassieren zu wollen.

Und vor allem muss sie sich auch fragen lassen, warum eine auf einer Bank deponierte Einlage abgabepflichtig werden soll, ein vielleicht viel höheres Vermögen im Sparstrumpf aber nicht. Am wichtigsten jedoch: Wie kommen die Finanzminister auf die aberwitzige Idee, brave Sparer, die schon über die unzähligen Rettungspakete der EU bis an den Rand der finanziellen Anämie zur Ader gelassen werden, jetzt auch noch über den direkten Zugriff auf ihre Konten zu enteignen? Der Aufschrei war vorprogrammiert.

Und er war berechtigt. Die europäische Einlagensicherung steht für jeden Sparer mit 100.000 Euro gerade. Unabhängig davon, dass das im Ernstfall weniger wert ist als das Papier, auf dem es geschrieben steht, haben die EU-Finanzminister mit ihrem aus dem Hinterhalt versuchten Raubzug genau zur Unzeit Vertrauen verspielt. Die Botschaft aber, da sollte sich niemand täuschen, ist eindeutig: Es wird allen ins Portemonnaie gegriffen werden. Fast allen. Nicht denen, die „too big to fail“ sind.

 

Euro: Lasst den Prügelknaben kommen  

Zwei Fragen bleiben: Was sind all die aus dem Boden gestampften, immer größer und teurer gewordenen Rettungsschirme und die geldpolitische „Bazooka“ der EZB denn wirklich wert, wenn selbst heute noch schon ein Kleinstaat wie Zypern mit einem Anteil von 0,2 Prozent an der europäischen Wirtschaftsleistung tatsächlich den Euro in Gefahr bringen kann?

Wann beginnt der Steuerzahler zu verstehen, dass die den aktuellen Aufschrei auslösende „Solidarabgabe“ für Zypern nur ein Klacks ist gegen das, was ihm die Rettungseiferer an Bürgschaften und Haftungszusagen um den Hals gehängt haben – und gegen das, was sie ihm zwar nicht direkt vom Konto abbuchen, aber von seinen Steuergeldern abzweigen, um es dann an EZB und IWF zu transferieren, von wo es dann wiederum den Weg in die Bankenrettung findet? Der Vorgang ist der Gleiche, verschleiert nur durch einige Umwege.

Falls Ihnen die Herkunft des Begriffs des „Prügelknaben“ nicht klar ist, hier die Lösung: Um zu vermeiden, dass die Gesäßpartie blaublütiger Sprösslinge nach üblen Streichen mit Stockschlägen in Berührung kam, hielt man sich früher bei Hofe meist aus nahe gelegenen Dörfern stammende „Prügelknaben“, denen diese Strafe zuteil wurde. Im Gegenzug wurde für ihren Lebensunterhalt und eine dem gemeinen Volk sonst unerreichbare Bildung Sorge getragen.

Dem Euro ergeht es heute nicht viel besser: Stellvertretend für die fehlgeleitete Schuldenorgie der letzten Jahrzehnte, die sich nun dank Zins- und Zinseszinssystem zwangsläufig verselbständigt hat und dessen Kollaps nur noch durch die Niedrigstzinspolitik der Notenbanken aufgeschoben werden kann, wird auf die Gemeinschaftswährung eingedroschen.

Sicher: An Konstruktionsfehlern haben wir beim Euro keinen Mangel zu beklagen. Und auch beim Zutritt in den neuen Währungsverbund wurde viel zu leger vorgegangen. Aber eines wird völlig vergessen:  Die Probleme, vor denen Europa heute steht, wären – allenfalls etwas später – auch ohne den Euro aufgetreten. Denn die, die heute mit spitzem Finger und gerümpfter Nase auf Europa zeigen und hier und da einmal ein paar Giftpfeile aus ihren Ratingagenturen abschießen, haben genau die gleichen Probleme, ohne dass sie eine neue Währung eingeführt hätten. Sieht man etwas genauer hin, sind sie in den USA und vor allem Japan sogar noch um einiges größer. Da kommt der Euro gerade recht, um von der eigenen brennenden Hütte abzulenken.

Nutzen wird es nichts. Eine „Bereinigung“ – in welcher Form auch immer, ist in Stein gemeißelt. Aber wann? Ich weiß es nicht, aber da mich der liebe Gott mit einem guten Gedächtnis gesegnet hat, darf ich Sie auf einen Artikel hinweisen, den ich vor vielen Jahren im Internet gelesen habe, der aber heute auch mit akribischer Recherche einfach nicht mehr aufzufinden ist.

Danach hat der Chef der Rothschild-Bank, die zweifellos als eine der ganz großen Strippenzieher der Finanzelite (wobei ich Elite nicht als Wertung verstanden werden möchte) einzustufen ist, seinen Topp-Leuten vor Jahren in einer vertraulichen Runde empfohlen, ab Juni 2013 so wenig Bargeld wie möglich zu halten. Nun kann so ziemlich jeder im Internet fast jeden Unfug verbreiten, nach dem ihm gerade zumute ist. Aber dass die besagte Nachricht offensichtlich aus dem Netz genommen wurde, sollte uns zu denken geben. So oder so:

Staatsanleihen – ob nun mit einer Rendite von über 80 Prozent wie im Falle Zyperns – oder mit einer Minusrendite wie hierzulande, sind wohl so ziemlich das Letzte, in das man investieren sollte. „Sichere Staatsanleihen“ sind heute ein Widerspruch in sich. Und wenn der Hauptteil des Käses nur noch von jeweils landeseigenen Notenbanken aufgekauft wird, die dieses Geschäft mit aus dem Nichts geschaffenen Geld bezahlen, dann fürchtet es mich vor dem, was man erwachsenen Menschen und vor allem Ökonomen heute noch alles vorspielen kann, ohne dass sie überhaupt mitbekommen, dass sie gerade im Kino sitzen.

 

Krise als Treibsatz

Wenn die Dinge nicht plötzlich eine unkontrollierbare Eigendynamik entwickeln, könnte das an Naivität und Dreistigkeit kaum noch zu überbietende Vorgehen Brüssels jedoch durchaus geeignet sein, genau das zu bewirken, an dem sich Politik und Notenbanken seit Jahren vergeblich die Zähne ausbeißen: Es könnte „Wachstum“ generieren:

Anleger und Sparer, denen Zypern auf welche Weise auch immer vorexerzieren wird, dass der Staat oder auch die EU in einer Nacht- und Nebelaktion eine Teilenteignung ihres Vermögens planen, werden wohl kaum wie das Kaninchen vor der Schlange abwarten, bis der Angriff kommt. Wer den Weckruf aus Brüssel verstanden hat, der wird sich heute wohl eher Gedanken darüber machen, nun rasch diese oder jene bis jetzt noch nicht umgesetzte Anschaffung zu tätigen. Denn eine Autotüre oder ein Stück der Solaranlage wird Brüssel sicher nicht konfiszieren. D. h.: Statt des angesichts drohender Krisenszenarien sonst zu beobachtenden Sparreflexes dürften zahlreiche Verbraucher vermutlich jetzt das genaue Gegenteil tun und ihr Geld in etwas Anfassbares investieren. Die nächsten Zahlen der Nürnberger Konsumforscher dürften zeigen, ob sich die Verbraucher diesen Weg nutzen werden. Noch ausgeprägter als hierzulande sollte eine solche Entwicklung wohl in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal zu beobachten sein. Als Sachwerte sind es aber natürlich auch Aktien, die von der drohenden Konfiszierung von Sparvermögen profitieren könnten. Erst recht, falls die Risikoaufschläge auf Anleihen der Krisenstaaten wieder anziehen und damit den Handlungsspielraum der Regierungen beim Schuldendienst erneut verengen sollten. Die Schlussfolgerung, dass diese Perspektive ganz besonders dem deutschen Aktienmarkt zugute käme, ist aber irrig.

Zur Erinnerung: Entgegen aller noch so sorgfältig ausgearbeiteten Analysen gibt es, auch wenn sich unser Verstand vielleicht nicht damit anfreunden kann, nur einen einzigen Bestimmungsfaktor für den deutschen Aktienmarkt. Und das ist die Wall Street.

Wie Sie im abgebildeten, über mehr als 60 Jahre zurückreichenden Chart sehen, konnten weder Wechselkurse, Währungsturbulenzen, Terroranschläge, Unterschiede im Zinsgefüge oder das teilweise krasse Auseinanderlaufen von amerikanischer und deutscher Konjunktur den Trend des DAX jemals vom Trend des Dow Jones lösen. Und es gibt absolut keinen vernünftigen Grund für die Annahme, dass sich an dieser „Unvernunft“ der Märkte jetzt etwas ändern wird. Die in den Medien wieder ganz nach vorne gerückte „Euro-Krise“ wird im Hinblick auf den Chart damit heute in ihrer Bedeutung für die Kursentwicklung des DAX völlig überschätzt.

 

Wall Street: Sorgloser denn je

Wie aber stehen die Chancen, dass die Kurse in New York ihre neuen Hochs jetzt auch weiter ausbauen und damit auch den DAX bald in neue Höhen katapultieren werden? Charttechnisch – natürlich – gut. Denn das unlängst erreichte neue Allzeithoch bedeutet ja, dass der Index nun keinerlei den Aufstieg bedrohende Widerstände mehr über sich hat.

Andererseits – Sie sehen es in der Abbildung – hat der CBOE-Volatilitäts-Index (VIX) parallel zur neuen Rekordmarke des Dow ein neues Tief ausgetestet. D. h.: Am Big Board hat die Stimmung ein Niveau der Sorglosigkeit erreicht, das in der Vergangenheit nur zu oft den Nährboden für negative Überraschungen darstellte. Denn strotzt die Börse nur so vor Zuversicht, sind so gut wie alle potentiellen Käufer auch schon in Markt investiert. Bleiben a ner Anschlusskäufe aus, kann der Wind sehr rasch drehen. Noch ist es nicht soweit, wie der nächste Chart unterstreicht:

Was Sie hier sehen, ist die perfekte Übereinstimmung der Nachfrage nach Börsenkrediten mit der Kursentwicklung an der Wall Street. Bei jedem wichtigen Tief oder Hoch der letzten Jahre erreichte  auch der Aktienkauf auf Pump seine jeweiligen Hochoder Tiefpunkte. Klar: Glauben die Anleger, dass sie am Markt mehr Gewinne erzielen können als sie an Kreditkosten für den Aktienkauf aufzubringen haben, steigt die Nachfrage nach Börsenkrediten. Und umgekehrt.

Die abgelaufene Woche zeigte in diesem exzellenten Indikator einen Stillstand auf sehr hohem Niveau. Dreht die Kreditnachfrage wieder nach unten ab, ist im Hinblick auf die völlig überkaufte technische Verfassung der Wall Street und das Rekordhoch der Sorglosigkeit so gut wie sicher, dass die US-Indizes ebenfalls nach unten abdriften werden. Aufpassen ist also das Gebot der Stunde. Geht die Nachfrage nach Börsenkrediten in den USA zurück, ist das für meine DAX-Strategie weitaus entscheidender als das, was wir dann vielleicht vom Euro hören oder lesen werden.

 

DAX: Euro-Krise? Welche Euro-Krise?

Sehen wir uns abschließend aber den DAX selbst an. Vom von den Medien hochgepushten Zypern-Thema (und dem schon wieder in Vergessenheit geratenen, viel bedeutsameren Thema Italien) ist in diesem Chart rein gar nichts zu erkennen. Das lässt sich durchaus als so etwas wie eine „innere Stärke“ interpretieren, zumal der aktuelle Kurs ja noch einen soliden Abstand zur vom Junitief aus gestarteten Aufwärtstrendlinie hat.

Im Chart ebenfalls abgebildet habe ich meinen „private-profits“-Trendindikator für den DAX. Wie Sie erkennen, hat er mit dem Freitagsschlusskurs nun erstmals wieder ins Minus abgedreht, also formal ein Verkaufssignal gegeben. Um einen schlüssigen Schwenk des DAX nach unten anzuzeigen, reicht das natürlich noch nicht aus; schon ein oder zwei festere Tage genügen, um diesen Kratzer im Haussebild wieder auszupolieren, zumal davon auszugehen ist, dass die Anleger zumindest noch einen Grund sehen wollen die für das neue Allzeithoch des DAX kalt gestellten Champagnerflaschen zu entkorken. Aber: Am seidenen Faden hängt die Aufwärtsbewegung allemal, egal ob mit oder ohne eine neue Bestmarke.

Zerbricht der Euro, zerbricht Europa nicht, Frau Merkel. Und auch nicht die deutsche Wirtschaft, die im Übrigen auch nicht den Bach hinunter geht, wenn die Aktienkurse einmal wieder nach unten gehen. Man kann sich um vieles oder sogar fast unendlich vieles Sorgen machen. Geholfen hat das noch nie. Achten wir auf die Wall Street und eine gute Handvoll bewährter Indikatoren und Strategien. Dann gibt es viele oder sogar unendlich viele Gründe, uns auf die kommenden Börsenmonate zu freuen, egal welche Art von Trend sie uns bescheren werden!

 

 

Viel Erfolg und beste Grüße!

Axel Retz

www.private-profits.de

 

 

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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