By 11. Dezember 2013 Read More →

Die Bullen sind alle an Bord der Titanic

Eine kleine, wenn auch etwas bemüht wirkende Bescherung gab es an der Wall Street. Die Anleger rechneten sich die neuen Daten des Arbeitsmarktes schön. Aber der Markt blieb auf Spur. Und die Lage spitzt sich zu.

Zu Wochenbeginn verhängte die EU gegen sechs international operierende Großbanken eine Geldstrafe in Höhe von 1,71 Milliarden Euro, wovon der größte Batzen auf Deutschlands erste Bankenadresse, die Deutsche Bank entfiel. In einem kartellähnlichen, man könnte auch sagen „mafiösen“ Absprachesystem hatten die Banken über Jahre hinweg die Zinsreferenzsätze Libor und Euribor manipuliert – zu Lasten anderer Banken, von Unternehmen und Privatverbrauchern.

Allein der Umstand, dass die Deutsche Bank rund vier Milliarden Euro an „Rückstellungen“ für offene Rechtsstreitigkeiten zur Seite gelegt hat, ist mehr als beachtlich. Vor allem, wenn man diese Summe einmal mit dem im dritten Quartal erzielten Gewinn von 51 Millionen Euro vergleicht. Über den Daumen gepeilt, entsprechen die Vorsorgemaßnahmen für anhängige juristische Verfahren also dem knapp Achtzigfachen des im dritten Quartal erzielten Gewinns.

Ob es heute noch Banker der alten Schule gibt, kann ich Ihnen nicht beantworten. Johann Philipp Freiherr von Bethmann, der leider 2007 verstarb, gehörte zu ihnen. Und selten habe ich ein Interview wie mit ihm geführt, bei dem wirkliches Marktverständnis und hohe ethische Ansprüche zusammentrafen und nicht aufeinander prallten.

Gekrönt wurde das aktuelle Kapitel zum Sündensumpf der Großbanken durch ein in New York ergangenes Urteil gegen Matthew Taylor, der bei Goldman Sachs (nein, ich kommentiere das nicht!) auf betrügerische Weise im Futuresmarkt Geschäfte in Höhe von 8,3 Milliarden US-Dollar verschleiert hatte. Das Pikante: Goldman Sachs wusste davon schon lange, hielt das Ganze aber vier Jahre unter der Decke, so dass Taylor nach seiner Entlassung noch vier Jahre für Morgan Stanley arbeiten konnte. Dort dürfte er wohl auch die 118 Millionen US-Dollar „verdient“ haben, zu deren Zahlung er jetzt von Richter Pauley verdonnert wurde.

„Alles in diesem Fall ist traurig“, führte der Richter an den Angeklagten aus. „Die Antwort Ihres Arbeitgebers war traurig, Ihr Verhalten war traurig, das Verhalten der Regierung auch.“ Traurig ist auch das, was sich in den beiden jeweils 155 m hohen Hochhäusern der Deutschen Bank im Frankfurter Westend abspielt. Co-Vorstand Jürgen Fitschen habe ich bis jetzt noch nicht persönlich kennengelernt. Aber bis zum Beweis des Gegenteils genießt er meinerseits viel Vorschusslorbeer: Ich nehme ihm ab, dass er den von einigen seiner Vorgänger hinterlassenen „Saustall mit schöner Fassade“ tatsächlich ausmisten will. Und dann wird der heute noch gültige Claim der Deutschen Bank „Leistung aus Leidenschaft“ vielleicht tatsächlich einmal durch etwas Gescheiteres ersetzt. Meinen Vorschlag hat die Bank.

Und wiederum bis zum Beweis des Gegenteils bin ich fest davon überzeugt, dass er sich gegen die Ideen der großen Werbeagenturen durchsetzen und einen echten Paradigmenwechsel einleiten wird.

Wall Street: Freitag war Freutag

Wie immer mit Spannung erwartet, führten die stets am ersten Freitag des Monats veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten für den Vormonat diesmal zu einer Rallye, die den Großteil der Vortagesverluste wieder kompensierte. Die etwas auf dem Kopf stehende Logik kennen Sie ja: Geht es dem Arbeitsmarkt schlecht, ist da gut für die Börse, weil es die Federal Reserve ja davon abhält, den vorsichtigen Ausstieg aus den mtl. Anleihekäufen in Höhe von über jeweils über 80 Mrd. US-Dollar wirklich umzusetzen. Nun:

Diesmal fielen die Daten positiv aus, zumindest nach der offiziellen Statistik, denn die Arbeitslosenquote sank deutlich auf nunmehr 7,0 Prozent. Einen echten Bullen schreckt das nicht. Da schraubt man lieber etwas an der Interpretation der Zahlen. Neue Lesart nun: Die Daten waren tatsächlich gut (also schlecht), aber es hätte ja noch besser (= noch schlimmer) kommen können. Es wird spannend sein zu sehen, ob sich diese Konstruktion auch nach dem vierten und letzten „Hexensabbat“ des Jahres am 20. Dezember noch aufrechterhalten lassen wird. Zur Jahreswende 1999/2000 gelang das – dann aber gab schlugen die Bären zu.

Was den Optimismus des Marktes betrifft, fallen nun wirklich auch die letzten Widerstände. Gab es in den USA zum Ausklang der letzten Woche noch 15,50 Prozent skeptisch gestimmter Börsenbriefe, sind wir gestern hier mit einem neuerlichen 26-Jahrestief von jetzt 14,40 Prozent ins Wochenende gegangen.

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Zwei Zahlen zum Vergleich: Als Alan Greenspan die Märkte 1996 vor einem „irrationalen Überschwang“ warnte, lag die Quote bearisher Börsendienste bei 37,70 Prozent. Und: Noch grenzenloser als in den USA ist der Optimismus nur bei uns: Denn mit jetzt 2,68 Prozent hat der Prozentsatz negativ gestimmter Börsendienste hierzulande ein neues Allzeittief erreicht.

Die Bullen sind wieder einmal in bester Feierlaune. Womit sich zumindest aus sentimenttechnischer Sicht alles auf Kollisionskurs befindet.

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Noch aber ist der Eisberg von den Anlegern nicht erkannt. Denn unser zuverlässigster Indikator für die wirklich großen Trendwenden der Wall Street, die Nachfrage nach Krediten zum Kauf von Aktien, ist im Wochenvergleich noch einmal etwas angestiegen.

Unser in den letzten Wochen hier vorgestelltes hingegen ist weiter intakt – und damit auch die Risikokonstellation!

Gold: Nun geht‘s ans Eingemachte

Wie Ihnen aus den letzten Ausgaben bekannt, befinden sich neben den Aktienmärkten ja auch einige Devisenpaare (s. letzte und vorletzte Woche) und auch die Edelmetalle jetzt in akut wirkenden Entscheidungssituationen.

Zu Silber hatte ich ja eine klare Einstiegsmarke für eine Putposition genannt. Heute möchte ich auch bei Gold ganz konkret werden. Dazu sehen wir uns erst einmal den nebenstehenden Chart an:

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Das Tief von Ende Juni lag bei 1.192 US-Dollar pro Feinunze. Nach dem Erreichen dieses Tiefs hat der Momentum-Indikator eine hübsche Aufholjagd absolviert, der ich ja hier immer wieder die Erwartung eines zweiten Abwärtsschubs entgegen hielt. Der abgebildete Chart (ein Wochenchart) signalisiert, dass der Ausflug des Momentums über die bei 100 liegende Kaufschwelle nun beendet ist und der Indikator nun Farbe bekennen muss, ob er wieder in den vorbestehenden Abwärtstrend eintaucht oder dieses Menetekel abwenden kann.

Sehen wir und dazu einfach den nächsten Chart an. Mit ihm hatten wir den Einbruch des Goldpreises sehr präzise festnageln können. Ich bilde den Chart heute ab, weil er einfach perfekt zum oben gezeigten Kursverlauf des Goldpreises passt:

Im Zuge des Gegenangriffs der Gold-Haussiers ist die Anzahl bullish bestimmten Gold-Analysten zuerst wieder über die seit Ende 1997 etablierte Aufwärtstrendgerade durchgestartet. Dieser Ausflug hat jetzt aber einer neuerlichen, jähen Trendwende Platz gemacht, die den Indikator nun von oben wieder genau an „unsere“ alte Entscheidungslinie herangeführt hat. Hier passt also ebenfalls jetzt alles für eine schöne Planungssituation:

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Bei 1.192 US-Dollar lag das Sommertief, aktuell liegen wir nicht mehr weit davon entfernt. Theoretisch kann daraus natürlich auch ein bullishes „Doppeltief“ werden. Aber glauben Sie mir: Doppeltiefs und Doppelhochs sind so mit das meist Fehldiagnostizierte, was es gibt. Ausschließen will ich es nicht. Aber ich meine:

Geht der Goldpreis an der London Metal Exchange (LME) unter 1.190 USD/oz. aus dem Handel, ist ein Put mit Zielvorgabe 1.000 US-Dollar so etwas wie ein Muss. Das zweite Muss dazu ist ein enger Stopp!

Zucker: Süßkraft lässt nach

Backen die Mütter heute nicht mehr? Haben Zuckeraustauschstoffe ihren Siegeszug fortgesetzt? Wird aus Zuckerrohr kein Schnaps mehr gebrannt?

Wir wissen es nicht. Aber parallel zu einer Vielzahl anderer Rohstoffe hat der Zuckerpreis seine Süßkraft für ein gewinnorientiertes Depot bereits im vergangenen Jahr eingebüßt. Denn da war der Abwärtsbreak des Ende 2008 gestarteten Aufwärtstrends bereits unübersehbar geworden.

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Aktuell steht hier die nächste Gewinn versprechende Entscheidung an: Seit Februar d. J. hat sich im Zucker-Future bei 440 US-Dollar eine solide abgesichert wirkende, horizontal verlaufende Unterstützung gebildet. Kippt die Weltwirtschaft erneut in eine Rezession an (und sie wird!), lauten hier die nächsten Kursziele 350 und dann 250 US-Dollar.

Wer auch mal gerne in Rohstoffen unterwegs ist, sollte Zucker daher m. E. jetzt im Auge behalten. Und bald – nach meiner Einschätzung – auch Rohöl.

Viel Erfolg und beste Grüße!

Axel Retz

About the Author:

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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