By 6. September 2012 Read More →

Das 16-Billionen-Dollar-Problem wird noch ignoriert

Die Börsenrally läuft und keiner ist dabei? Zwar punkten die DAX-Bullen, aber in den Depots wurden die Aktienpositionen zuletzt massiv abgebaut. Die Charts zur Marktstimmung liefern klare Signale. Vielleicht zu klare Signale.

 

Am Mittwoch war wieder mal so ein Tag, der zeigte, in welch irrsinnigen Zeiten wir eigentlich leben. Da wartet die (Börsen-) Welt gebannt seit rund einem Vierteljahr auf die Entscheidung aus Karlsruhe, und am Ende bleibt nur eine „Ja, aber…“-Zustimmung der acht Richter in den roten Roben. Wurde damit der große Wurf erzielt? Nein. „Es hat sich weder an den Krisenursachen noch an der Bewältigungsstrategie etwas Grundlegendes verändert“, sagte der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Man darf schon jetzt gespannt sein, ob der ESM im Fall der Fälle wirklich seine Kraft entfalten wird. Immerhin hatte der Bundestag nur unter der Bedingung grünes Licht für den Euro-Rettungsschirm gegeben, dass er vor dem Kauf von Staatsanleihen vorher über alles informiert wird. Bis die Politik sich aber geeinigt hat, vergeht viel Zeit. Genauer gesagt zu viel Zeit, die die Börsen den Entscheidungsträgern nicht geben werden. Aber es gibt ja schließlich noch die unbegrenzte Staatsfinanzierung durch die EZB. Welch ein (Un-)Glück.

Wie auch immer, die Reaktion an den Märkten fiel am Mittwoch mal wieder wie gewohnt aus: Kaum ist weiteres billiges Geld in Aussicht, steigen die Kurse risikoreicher Papiere. Bestes Beispiel: Gewinner im 110-Werte umfassenden HDAX war am Mittwoch die Commerzbank mit plus 7,2 Prozent. Sollte auch Ben Bernanke am Abend die Schleusen weiter öffnen, bleiben Banken erste Wahl. Etwas mehr Risiko scheint ohnehin bei einigen Zertifikate-Anlegern en vogue zu sein. Während im Juli eher Zurückhaltung dominierte, setzten in den vergangenen Wochen die Börsianer verstärkt auf positiven Rückenwind durch die Notenbanken. Dies zeigt sich auch deutlich beim UBS Investor Sentiment Index, der die Risikobereitschaft der Investoren in DAX-Discountpapiere der Schweizer Großbank zeigt. Das durchschnittlich gewählte Cap und damit die Maximalgrenze der Papiere lag im vergangenen Monat rund 16 Prozent unter dem DAX-Stand. Gegenüber dem Juli-Niveau bedeutet dies einen Anstieg von 1,8 Prozentpunkten.

 

Unter dem Strich weist die Stimmungslage klar nach oben. Lag das durchschnittliche Cap zu Monatsbeginn noch bei knapp 20 Prozent unterhalb des DAX, waren es zu Monatsmitte nur noch 14 Prozent und gegen Ende August 15 Prozent. „Setzt sich die freundliche Tendenz an den Finanzmärkten fort, besteht Aussicht auf einen weiteren Anstieg des Sentiments“ meint Steffen Kapraun, Associate Director bei der UBS. „Allerdings herrscht nach wie vor große Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Eurokrise und der Konjunktur – zumal der September traditionell als eher schwacher Börsenmonat gilt“. Die Zahlen geben ihm Recht. Als der DAX im März erstmals in diesem Jahr bei 7000 Zählern notierte, lag das gewählte durchschnittliche Cap kurzzeitig sogar ebenfalls an der psychologisch wichtigen Marke.

Nur einer kann gewinnen

Die Unentschlossenheit der Anleger spiegelt sich auch gut in der monatlichen Umfrage auf www.boerse-online.de wider. Keine Frage, Bullen und Bären haben gute Argumente für die weitere Entwicklung an den Finanzmärkten. Während bei der Juli-Befragung nach der Rally einige Käufer auf die Bären-Seite wechselten, lief im August die Schere ein wenig auseinander. Das Lager der Unentschlossenen verzeichnete einen deutlichen Rückgang und ist derzeit so schwach auf der Brust wie noch nie seit Beginn der Umfragen im Frühjahr vergangenen Jahres. Im Gegenzug legte sowohl die Anzahl der für den DAX optimistisch gestimmten Anleger als auch der bearisch eingestellten Marktteilnehmer zu.

Bleibt die entscheidende Frage, ob ein Teil der Anleger bereits zu früh auf Gewinnmitnahmen gesetzt hat und nun hofft, bei einem Rückschlag noch schnell auf den fahrenden Zug aufspringen oder sogar über Short-Spekulationen auf einen fallenden Markt setzen zu können. Beides dürfte den noch investierten Anlegern klar in die Karten spielen. Neigt der DAX zu Gewinnmitnahmen, dürften diese recht gering ausfallen, da jeder Rücksetzer sofort zum Einstieg oder Ausbau von bestehenden Positionen genutzt wird. Geht es hingegen – mit gesunden Korrekturen – weiter aufwärts, müssen die Shorts irgendwann geschlossen werden, was für zusätzlichen Auftrieb sorgt. Die Hausse nährt die Hausse.

 

Umfragen sind die eine Seite der Medaille, tatsächliche Order die andere. Beim Online-Broker comdirect sank die Kaufbereitschaft der Kunden nicht nur deutlich gegenüber dem Juli-Wert sondern sogar auf dem niedrigsten Stand seit 2008. Mit 90 Punkten liegt der Index inzwischen deutlich unter der Schwelle von 100 Zählern, aber der von einer höheren Kaufbereitschaft gesprochen wird. Insbesondere der Handel mit Aktien brach deutlich ein. Die Aktien von Commerzbank und Deutscher Bank standen sowohl auf der Kauf- als auch der Verkaufsliste ganz oben. Der gewonnene Patentstreit mit dem Konkurrenten Samsung in den USA erhöhte die Nachfrage nach Titeln von Apple. Im Fokus standen auch die Aktien von Nokia. Hier weckte die Ankündigung eines neuen Smartphones Hoffnungen auf künftige Kursgewinne.

Eine nervenstarke Fangemeinde bleibt zudem dem spekulativen Rentenmarkt treu. Als Folge des Schuldenschnitts und Zwangsumtauschs im März waren erneut mehrere Griechenland-Bonds die meistverkauften Anleihen. Auf der Kaufliste fanden sich hingegen Zypern-Anleihen. „Bei einigen risikofreudigen Privatanlegern standen kurzfristige Zypern-Bonds im Fokus. Hier setzen die Investoren trotz des Ausfallrisikos auf Spekulationsgewinne“, sagt Stefan Wolf, Produktmanager Trading bei comdirect.

Die Hausse nährt die Hausse

Aber was sagen eigentlich die Charts? Zur Einordnung bleiben wir weiter unseren in den vergangenen Monaten bereits bestens bewährten Mix aus unterschiedlichen Indikatoren treu. Den Anfang macht der Citigroup Economic Surprise Index (CESI), der auf einen Blick eine gute Einschätzung liefert, ob die zahlreich veröffentlichten Konjunkturdaten eher enttäuschten oder positiv überraschten. Bereits im Juni hatten wir auf eine Stabilisierung bei den Wirtschaftsdaten hingewiesen und auf positive Überraschungen gesetzt. Die entsprechende Linie zeigt seitdem klar nach oben und signalisiert, dass die Daten inzwischen besser ausfallen als vom Markt erwartet. Mit einem Indexstand von rund 25 Punkten hat der CESI auch noch ausreichend Luft nach oben. Anders formuliert: Es ist noch genügend Spielraum für weitere positive Überraschungen, ehe die Erwartungen wieder zu optimistisch werden und Gegenwind von der Konjunkturfront droht. Erste, aber vom Markt bisher noch kaum wahrgenommene Anzeichen gibt es bereits. Neben dem chronisch schwachen Arbeitsmarkt könnten sich die stark gestiegenen Benzinpreise als nächster Belastungsfaktor erweisen. Dieser dürfte sich vor allem in einer erneuten Abschwächung der privaten Konsumaktivität widerspiegeln. Aktuell liegt der durchschnittliche Preis an den US-Tankstellen bei 3,91 Dollar / Gallone. Sollte die magische Marke von vier Dollar ernsthaft in Gefahr geraten, könnte Präsident Obama an der Ölfront tätig werden, um seine Widerwahl nicht zu gefährden. Die Experten der DekaBank rechnen inzwischen für die USA mit deutlichen Preissteigerungen und einer US-Inflationsrate von mehr als zwei Prozent zum Jahresende.

Nicht nur der CESI kann sich sehen lassen, auch die Kursentwicklung bei unserem „Rohstoff-Konjunkturindikator“ Kupfer passt ins Bild. Über die Sommermonate wurde der breite Unterstützungsbereich zwischen 7000 bis 7500 Dollar je Tonne bravourös verteidigt. Seit Anfang September läuft nun der erneute Angriff auf die wichtige 8000er-Marke. An der runden Schwelle scheiterten im vergangenen Jahr einige Erholungsversuche. Die laufende Bewegung könnte hingegen noch etwas weiter anhalten. Zwar liegt in der langfristigen Terminkurve eine Backwardation-Situation vor. Kurzfristig sind aber Preise von 8100 Dollar pro Tonne durchaus möglich. Hellt sich die weltweite Konjunkturlage überraschend deutlich auf, wäre auch eine Reaktion wie zu Jahresbeginn mit einem Anstieg bis 8400 Dollar nicht überraschend.

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Als ein weiterer guter Risikoindikator gilt auch das Verhältnis der Performance von US-Blue Chips zu Nebenwerten. Letztere finden sich im Russell 2000. Im Juli war das Verhältnis beider Indizes sogar in einen Übertreibungsbereich hineingelaufen, d.h. die Strategen ließen von den volatileren Small Caps die Finger. Wie üblich sind solche Ungleichgewichte an den Märkten aber nur von kurzer Dauer. Der Chart zeigt es deutlich – im August und September holten die Nebenwerte deutlich auf. Entsprechend weist der Ratiocator aus Russell 1000 zu Russell 2000 eine fallende Tendenz auf – oder anders formuliert: Die Investoren werden wieder risikofreudiger.

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Zwischenfazit: Alle drei Charts weisen derzeit auf einen guten Marktzustand und damit eine Fortsetzung der laufenden Aufwärtsbewegung. Wegen der zahlreichen Risiken wird bisher noch viel Geld in vermeintlich sicheren Häfen zu absurd niedrigen Zinsen geparkt. Viele Investoren trauen sich noch nicht oder wenn nur mit ersten Positionen in den Aktienmarkt und hoffen darauf, bei Rücksetzern einsteigen zu können.

Eine kaum beachtete Angst-Meldung

Einen kleinen Pferdefuß gibt es dann aber doch. Inzwischen läuft der Börsenexpress bereits  seit einigen Wochen auf Hochtouren. So notiert der DAX rund 1300 Punkte oder 22 Prozent über dem Tief von Anfang Juni. Etwas Luft nach oben ist sicherlich noch vorhanden, aber als Anleger sollte man sich bewusst sein, dass die Luft allmählich sehr dünn wird. Für den DAX bedeutet dies, dass bei Kursen von maximal 7600 Punkten vorerst wohl endgültig Schluss sein dürfte. Wer wie in unserer Juni-Kolumne empfohlen bereits vor Monaten erste Positionen aufbaute ( Aufwärts an der Mauer der Angst), kann einer gesunden Korrektur nun gelassen entgegen sehen und sogar nachkaufen. Hingegen ist das Risiko für Neueinsteiger auf dem derzeitigen Niveau nun sehr hoch und aus Chance-Risiko-Verhältnisses nicht mehr wirklich attraktiv.

Der folgende Chart dürfte Ihnen bereits bekannt sein. Dargestellt ist der S&P 500 sowie den Anteil von Aktien, die oberhalb ihres 50-Tage-Durschnitts notieren – in einer über fünf Tage leicht geglätteten Linie. Je mehr Aktien über der gleitenden Linie notieren, desto bullischer der Markt. Allerdings steigt ab einem gewissen Zeitpunkt auch das Risiko von Gewinnmitnahmen. Gegenüber dem Juli-Wert ist der Indikator noch einmal um sieben Prozentpunkte auf nun 77 Prozent gestiegen. Ab Werten von 80 Prozent oder wenn die Hochs des Index nicht bestätigt werden, steigt erfahrungsgemäß das Rückschlagsrisiko deutlich an.

Fast schon überflüssig zu erwähnen ist die Tatsache, dass der Hauptkatalysator für die Rally bei den Dividendenwerten natürlich die massiven Liquiditätsspritzen der wichtigsten Notenbanken, allen voran der amerikanischen sind. „Die Fed pumpt riesige Mengen Geld in die Märkte. Das ist eine Fed-Rally. Das Geld muss irgendwo hin und es geht in die Aktien- und Rohstoffmärkte“, sagte in dieser Woche Jim Rogers. Zwar muss die Entwicklung nicht zwangsläufig zum finanziellen Untergang führen, wie der Starinvestor meinte. Aber das Thema Staatsverschuldung wird uns noch sehr lange beschäftigen, vor allem wenn irgendwann der Fokus auf den amerikanischen Schuldenberg rücken sollte. Abseits der Turbulenzen in Europa ging vor wenigen Tagen die Meldung unter, dass die Schulden der USA erstmals über die 16.000-Mrd.-Dollar-Marke gestiegen sind. Das macht 51.000 Dollar pro Amerikaner. Noch Ende Juni lagen die Gesamtschulden des US-Staates bei knapp über 15.800 Mrd. Dollar. Mit dem neuen „Bestwert“ stehen die USA nun sehr nahe an der gesetzlich erlaubten Schuldenobergrenze von rund 16.400 Mrd. Dollar. Wenig überraschend, dass sich kurze Zeit später die Ratingagentur Moody’s zu Wort meldete und vor einem Verlust der Bestnote AAA warnte, sollten die Verhandlungen über den Haushalt 2013 nicht zu einem Rückgang des Schuldenstands führen. Und auch in Deutschland sieht es nicht besser aus, auch wir glänzen in dieser Disziplin mit einem neuen Rekord. Trotz des konjunkturellen Boomjahres 2011 legten die Staatsschulden um 0,7 Prozent auf 2025,4 Mrd. Euro zu. Umgerechnet sind das rund 24.700 Euro je Bundesbürger. Ironisches Detail: In neun Ländern wuchsen die Schulden. Den Spitzenplatz sichert sich beim prozentualen Anstieg Hessen mit seiner Finanzmetropole Frankfurt.

Die Argumente der Bären sind berechtigt, daran besteht kein Zweifel. Recht haben und Recht bekommen ist aber – gerade auch an der Börse – ein großer Unterschied. So lange die Märkte aufwärts streben, bedeutet eine antizyklische Strategie schnell hohe Verluste. Für Short-Spekulationen ist es also noch zu früh. Sinnvoll platzierte Stoppkurse oder Absicherungen über Puts sind bei der nach wie vor günstigen Vola aber auf jeden Fall angebracht. Wer gerne zockt, kann gehebelt auf das noch stark positive Momentum setzen. Aber seien Sie vorsichtig, irgendwann wird die Musik aufhören zu spielen.

Viel Erfolg bei der Geldanlage

Franz-Georg Wenner

Posted in: Marktanalysen

About the Author:

Franz-Georg Wenner ist regelmäßiger Gast beim Deutschen Anlegerfernsehen und gern gesehener Vortragsredner. Er hält regelmäßig Webinare und referierte unter anderem beim Verein Technischer Analysten Deutschlands (VTAD). Bei BÖRSE ONLINE war er sechs Jahre Online-Koordinator und Redakteur mit den Schwerpunkten Nebenwerte Deutschland, Zertifikate und Technische Analyse. Zusätzlich betreute er für die Commerzbank den Zertifikate-Newsletter ideas daily. Bereits seine Diplomarbeit im Fachbereich BWL der Uni Düsseldorf beschäftigte sich mit der Intermarket-Analyse.

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