By 26. November 2012 Read More →

Apples unheimliche Serie

Derzeit wirkt die Börse etwas manisch-depressiv: Gestern zu Tode betrübt, heute himmelhoch jauchzend.  Wie in der letzten Woche erwartet, schafften die Börsen noch einmal die Wende nach oben. Kommt nun die Jahresendrallye? Apple ist auf dem Sprung. Und dürfte erneut zum Signalgeber der Aktienmärkte werden.

 

 

Beginnen wir heute mit etwas wirklich Betrauernswertem, einem Nachruf. Wie Sie vielleicht in der vergangenen Woche mitbekommen haben, steht die Financial Times Deutschland vor ihrem Ende. Der Aufsichtsrat der Gruner und Jahr AG beschloss aus wirtschaftlichen Gründen die Einstellung der Zeitung zum 7. Dezember, dem angekündigten Erscheinenstermin der letzten Ausgabe. Nachdem ich früher die englische Originalausgabe der Zeitung gelesen hatte, war ich dann vom Start im Februar 2000 an  Abonnent der FTD. Und zufrieden ist wirklich eine monströse Minimalisierung dessen, was mich mit diesem Blatt verband.

 

Arbeitet man sich heute durch die diversen Foren, beginnt man auch zu ahnen, warum die FTD nun in die Fußstapfen der Frankfurter Rundschau tritt: Die Macher der Zeitung ließen sich von niemandem vereinnahmen. Beschimpfungen wie „linksversifft“ und „Göbbels-Propaganda-Lügenblatt“ verdeutlichen sehr schön, dass die tumben Kritiker des Blattes in den extremen Sümpfen beider politischer Richtungen zu finden sind. Was auch nicht verwundert, da sich die FTD im Laufe ihres Erscheinens dreimal die Freiheit genommen hatte, konkrete Wahlempfehlungen auszusprechen, einmal für die CDU/CSU, einmal für die FDP und einmal für die Grünen.

 

Ja: Das „Drecksblatt“, dessen „intellektuelle Prostituierte (Lohnschreiberlinge) sich für die Feldarbeit fit machen können“, wie andere Kommentatoren wissen ließen, die anscheinend die Dosierung ihrer Medikamente nicht richtig im Griff haben, war auch politisch unabhängig. Denn dass sie wiederholt die Seiten wechselte bzw. sogar wechseln musste, lag daran, dass sie im Gegensatz zu den Parteien in Inhalt und Kontur einer durchgängigen Linie treu blieb.

 

„Deutschland bereitet sich darauf vor, ein Juwel seiner Medienlandschaft zu verlieren“, konstatierte Frankreichs größte  Wirtschaftszeitung Les Échos. Und da die Politik zwar Steuermilliarden zur Rettung von Banken, nicht aber zur Sicherung der m. E. letzten Ikone der unabhängigen deutschen Presse ausgibt, wird das leider kleiner werdende Häuflein der an wirklich freier Kommentierung interessierten Wirtschafts- und Finanzelite künftig auf die New York Times oder BARRON‘s zurück greifen müssen. Es ist jammer-, jammerschade. Und es bedeutet einen kaum mehr gut zu machenden Schaden für die deutsche Medienlandschaft. Und einen gewaltigen Schlag ins Kontor unabhängiger Meinungsbildung in unserem Land.

 

Für intelligenten, freien und noch dazu sprachlich und optisch geradezu delikat aufbereiteten Journalismus gibt es keine Lobby. Und wenn es sie gäbe, wäre es sein privilegiertes Alleinstellungsmerkmal, sie nicht zu nutzen. Gerade deswegen hätte er – im Gegensatz zu Banken – in einer an ihrem Fortbestand interessierten, pluralistischen Demokratie Artenschutz verdient!

 

XXL und XXS

 

Zum Wochenausklang war es wieder einmal so weit: Im Rahmen der Verabschiedung des Bundeshaushaltes für 2013 kam es zum gewohnt heftigen Schlagabtausch. Aber auch der Bundesrat tagte. Bemerkenswertes habe ich nicht gehört. Aber vieles von dem, was ich nicht gehört habe, verdient durchaus Beachtung. In Kürze:

 

1. Der Bundesrat blockierte das deutsch-schweizerische Steuerhinterzieherschutz- und Begünstigungsprogramm des Finanzministers, womit die Länder wohl am nicht minder fragwürdigen Aufkauf von Daten-CDs festhalten werden. Schmutzig schwarz gegen schmutzig rot-grün.

 

2. Der Bundesfinanzminister legte einen Haushalt vor, in dem sein sonstiges Hauptbetätigungsfeld, nämlich der Euro und seine Rettung, mit keinem einzigen Wort vorkommt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Aber es wird trotzdem sein. Und nach Berechnungen des Ifo-Instituts reden wir von einem deutschen Gesamthaftungsrisiko von rund 600 Mrd. Euro, also fast genau dem Doppelten des jetzt verabschiedeten Haushalts.

 

3. Die Kanzlerin verwies auf die Erfolge der Arbeitsmarktpolitik und die in nie gesehener Höhe sprudelnden Steuereinnahmen. Dazu: Rund ein Viertel aller Beschäftigten ist mittlerweile in den Niedriglohnsektor abgerutscht/abgedrängt. Vermutlich durchaus gewollt. Ein Arbeitnehmer, der steuerlich unterhalb  des Grundfreibetrags von 8.004 Euro p. a. (667.– Euro pro Monat) bleibt, spült keinen einzigen Cent an Einkommensteuer ins Staatssäckel.

 

Kunden des Finanzamtes, die mit einem Jahressalär über 250.400 Euro in den Spitzensteuersatz hineinrutschten, müssen von zusätzlichen 667 Euro pro Monat aber 316,69 Euro an den Fiskus abführen. Es lohnt sich also für den Staat, wenn „oben“ mehr verdient wird, zumal Deutschlands Eintrittsschwelle in den Spitzensteuersatz satte 3,34 mal so hoch liegt wie die nächsthöchsten der Euroländer (Spanien und Griechenland mit jeweils 75.000 Euro). D. h.:

 

4. Je mehr Arbeitnehmer in wie auch immer genannten, schlecht bezahlten Jobs arbeiten und um so weiter sich die Schere der Einkommensverteilung öffnet, um so glänzender werden sowohl die Arbeitsmarktstatistik als auch die Steuereinnahmen.

Das sieht dann nach XXL aus, bedeutet aber für die Kaufkraft eines wachsenden Teils der Bevölkerung XXS. Sicher: Rund ein Viertel der deutschen Arbeitnehmer arbeiten im exportorientierten Bereich, der unter internationalem Wettbewerbsdruck steht. Drei Viertel aber nicht. Und um es mit den Worten des sicherlich nicht „links-verdächtigen“ Henry Ford zu sagen: „Autos kaufen keine Autos“.

 

5. Die zweigleisige XXL/XXS-Politik, die die Einkommenszuwächse der Arbeitnehmer in den letzten zehn Jahren auf den letzten Platz der großen Industrieländer absinken und die Kaufkraft der Rentner um 20 Prozent abrutschen ließ, rührt heute zwar im Vorfeld der heranziehenden Bundestagswahlen wie aufgescheucht im Thema Altersarmut herum, zementiert aber gleichzeitig zwangsläufig die künftige Altersarmut. Zu schultern haben werden das diejenigen, die schon durch den demographischen Wandel mehr als überbelastet sein werden. Wieso eigentlich soll der Steuerzahler erst für schlechte Löhne und dann auch noch für daraus resultierende schlechte Renten haften? Und vor allem: Womit?

 

6. Vielleicht am bemerkenswertesten: Die zu Recht gefeierte Politik eines Ludwig Erhard, die Deutschland nach dem Krieg das sgn. Wirtschaftswunder und den sprichwörtlichen Wohnstand für alle bescherte, bekäme im heutigen politischen Spektrum ohne jeden Zweifel den Stempel „links“ aufgedrückt. Im Parlament ist die Seitenverteilung formal zwar weitgehend erhalten geblieben, aber die spektrale Zusammensetzung von Schwarz, Rot und Grün ist nicht mehr das, was sie einmal war, während Gelb verglüht.

 

Apples unheimliche Serie

 

Nachdem wir ja vom neuen Leithammel der Wall Street, Apple, erst einen sehr treffsicheren Hinweis auf das bevorstehende Ungemach bekommen hatten, hatte ich Ihnen in der letzten Woche die an einer charttechnisch sehr wichtigen Kreuzungsmarke entstandene, potentiell bullishe Formation der Aktie vor Augen geführt. Und daraus geschlossen, dass die Bullen noch einmal Auftrieb erhalten könnten, falls die Aktie am Montag einen Kursgewinn über die Ziellinie retten sollte. Genau so kam es. Apple legte einen sehr festen Wochenstart hin, womit im Chart die in der letzten Woche besprochene mögliche Trendwendeformation komplettiert wurde.

 

Ob nun Zufall oder nicht, zog die Wall Street in der feiertagsbedingt verkürzten Handelswoche nach, was natürlich wie gewohnt auch die europäischen Börsen wieder vom charttechnisch äußert brüchigen Eis brachte. Erst einmal.

 

Denn wie Sie im Chart erkennen, hat es die Apple-Aktie zum Freitagsschluss ganz exakt bis an die vom im September markierten Allzeithoch ausgehende Abwärtstrendlinie geschafft, während der Momentum-Indikator nach wie vor deutlich im Minus verharrt. Und vor allem: Während die Umsätze am vorletzten Freitag auf den höchsten Stand seit Monaten explodierten, gaben sie seitdem von Tag zu Tag nach, was natürlich auch auf das Konto von Thanksgiving und den beiden verkürzten Handelstagen am Mittwoch und Freitag ging.

 

 

D. h.: Schon wieder hat es Apple geschafft, genau zum Wochenausklang eine neue Entscheidungssituation auf die Beine zu stellen. Kann der Kurs am heutigen Montag oberhalb der Abwärtstrendgeraden schließen, ist das durchaus konstruktiv für die Wall Street zu werten, während Baissiers warten sollten, bis die Aktie mit unter 525 USD unterhalb des Schlusskurses vom vorletzten Freitag schließt, dann aber so etwas wie einen „sicheren“ und optimal mit einem Stopp abzusichernden Einstieg serviert!

 

Euro Stoxx 50: Nächster Anlauf

 

Um was es an den Märkten jetzt geht, zeigt sich sehr schön auch am Euro Stoxx 50, in dem die bedeutendsten europäischen Titel gelistet sind. Anfang September klopfte der Index an den durch das Märzhoch 2011 definierten Widerstand.

 

Seitdem tobt ein erbitterter Kampf um diese Bremsmarke. Zwei weitere Anläufe nach oben wurden von den Bären zurückgeschlagen, heute vor einer Woche formierten sich die Bullen erneut zum Angriff.

 

 

Charttechnisch bemerkenswert ist, dass der Euro Stoxx 50 seit September so etwas wie eine „Flagge“ ausgebildet hat, also eine potentiell bullishe Formation, die, wenn sie einmal nach oben verlassen wird, einen Kursanstieg in Richtung auf die 2011er Bestmarke bei knapp über 3.000 erwarten ließe – vorausgesetzt der Index kann zuvor das bei 2.608 liegende Märzhoch des laufenden Jahres bezwingen, das aber nur noch einen Steinwurf weit entfernt liegt. MACD und Momentum sehen aktuell zwar recht konstruktiv aus, hätten jedoch in der Seitwärtsbewegung seit September bereits wiederholt verfrüht zum Einstieg verleitet.

 

Heißes Eisen Griechenland

 

Es ist schon ein gutes Weilchen her, da hatte ich Sie auf die Chancen aufmerksam gemacht, die „dermaleinst“ am griechischen Aktienmarkt aus dem Dornröschenschlaf wach geküsst werden dürften. Denken Sie nur an Argentinien.

Im Zuge der Finanzkrise des Landes, die mit der Erklärung des Staatsbankrotts endete, stürzte der 17 Werte umfassende MERVAL (Mercado de Valores de Buenos Aires) bis November 2001 auf 200 Punkte ab, um sich bis Dezember 2003 erstmals auf über 1.000 Punkte zu befestigen. Drei Jahre später knackte der Index dann erstmals die 2.000er Marke.

 

Die Argumente, die damals gegen einen Einstieg in argentinische Aktien vorgebracht wurden, können heute 1:1 für den griechischen Aktienmarkt übernommen werden. Aber auch dort wird es wieder hell werden. Und mutigen Anlegern dann vermutlich eine ähnliche exzellente Chance bieten. Sehen wir uns den Index einmal an:

 

 

Nahe 500 hatte sich eine aus 1987 und 1992 stammende, horizontale Unterstützung gebildet, die jetzt zwar kurzfristig unterschritten, dann aber wieder zurück erobert werden konnte.

 

Dabei wurde auch der 200 Tage-GD (im Wochenchart rot als GD 40 eingezeichnet) nach oben durchbrochen, wobei der gleitende Durchschnitt auch aufwärts eindrehen konnte. Das ist bullish, kann sich aber wie bereits 2009 auch als Fallstrick für voreilige Hasardeure erweisen.

 

Anleger, die unwägbaren Risiken aus dem Weg gehen wollen – und das ist das Einzige, woran in Griechenland derzeit nun wirklich kein Mangel besteht – warten ab, bis der Index den massiven waagerechten Widerstand bei rund 1.500 Punkten bezwingen kann. Dann allerdings schaltet die Börsenampel in Athen auf ein Grün, wie wir es auch im schönsten deutschen Frühling noch nicht erlebt haben! Ich halte Sie auf dem Laufenden.

 

Ring frei zur dritten Runde

 

Zweimal haben wir nun schon getestet, wie sich das alte Erfolgsrezept der „Turtle-Trader unter heutigen Marktbedingungen schlägt. Zur Erinnerung: Hervorgegangen ist dieser Begriff aus einem von Richard Dennis und William Eckardt 1983 gestarteten Experiment, bei dem sie zehn völlig börsenunerfahrenen Teilnehmern in 14 Tagen einen rein technisch ausgerichteten Handelsansatz vermittelten und sie dann, ausgestattet mit jeweils 1.000.000 US-Dollar an den Start brachten. Das Ergebnis: Im Durchschnitt des einjährigen Versuchs brachten es die Newcomer auf einen Gewinn von annähernd 100 Prozent.

Um es vorweg zu nehmen: Auch die ersten beiden hier vorgestellten, jeweils vierwöchigen Testläufe der Turtle-Strategie gingen erfolgreich über die Bühne. Und das in einer Börsenphase, die nun wirklich an Unberechenbarkeit kaum noch zu übertreffen ist. Also auf zum dritten und letzten Durchgang. Ich stelle Ihnen also erneut jeweils sechs Positionen für potentielle Call- und Put-Käufe vor.

 

Aus der Fülle sich anbietender Trades habe ich diesmal gleich vier Aktien-Indizes, zwei Rohstoffe , fünf  Aktien und EUR/USD gewählt. Denn während sich die Turtles vornehmlich auf die Futuresmärkte konzentrierten, funktioniert ihre Strategie, wie wir in den vergangenen beiden Testläufen gesehen haben, auch in anderen Segmenten des Marktes. In vier Wochen werden wir dann auswerten, ob sich auch dieser abschließende Testlauf wieder bewährt hat.

 

Long Kurs vom 23.11. Einstieg über
AEX 331,50 338,28
CAC40 3328,80 3581,58
DAX 7309,13 7452,00
EUR/USD 129,75 1,3130
Blackstone   Corp. 14,95 15,81
Deutsche Post 15,80 16,03

 

Short Kurs vom 23.11. Einstieg unter
Aluminium 1928,75 1873,00
BSE Sensex 18506,57 18349,00
Kupfer 7675,75 7540,25
HeidelbergCement 39,57 38,41
Thyssen-Krupp 16,79 15,96
MorphoSys 25,72 24,46

 

 

Abschließend ein Blick auf den Parteitag der „Piraten“ vom Wochenende: Allen Ernstes gab es dort einen Tagesordnungspunkt, in dem beantragt wurde, noch in diesem Jahrzehnt die Zeitmaschine zu erfinden. Sehr originell. Aber auch nicht origineller als die Erfindung der vermeintlichen Geldmaschine durch die Notenbanken.

 

Viel Erfolg und beste Grüße

 

Axel Retz

www.private-profits.de

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

 

Posted in: Gastbeiträge

About the Author:

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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