By 27. Juni 2014 Read More →

Verzweifelte Jagd nach Rendite – auch die Notenbanken steigen in den Aktienmarkt ein

Bis jetzt kannten wir ja bereits das Plunge Protection Team, das Sorge dafür zu tragen hat, dass die Kurse an der Wall Street nicht ernsthaft fallen. Das ist nun Geschichte: Auch die Notenbanken selbst sind nun am Aktienmarkt aktiv. Manipulation 2.0, 3.0 oder 4.0. Lustig ist das alles nicht mehr.

Liebe Leserinnen und Leser,

gleich vorneweg zwei schlechte Nachrichten. Erstens: Urlaubsbedingt wird der nächste Newsletter erst am 19.Juli erscheinen. Sie werden es überleben. Und zweitens: Ab heute werden die Tage wieder kürzer, während die Nächte besonders für die Fußballfans in den kommenden Wochen wieder länger werden. Für mich nicht.

Wenn Sie im sgn. christlichen Abendland heutzutage mit irgendetwas Traditionellem noch so richtig punkten wollen, dann muss es aus dem Fernen Osten kommen. Insbesondere chinesische Weisheiten, die sich immer widerspruchsfrei Konfuzius in den Mund legen lassen, erfreuen sich meist kritiklosen, oft sogar fast ehrfurchtsvollen Zuspruchs.

Als ich von 1993 – 1996 noch Chefredakteur eines Börsenmagazins war, machte ich mir diese eigenartige Vorliebe zunutze: Als mir in einem Artikel zur japanischen Candlestick-Charttechnik einmal ein Absatz fehlte, obwohl alles Wichtige geschrieben war, zog ich kurzentschlossen einen Textrahmen auf und platzierte dort in großen Lettern das (frei erfundene) Zitat:

„Siehst Du den hoch fliegenden Adler? Er bewundert Deinen aufrechten Gang!“, was ich mit Wang Lu Chon unterzeichnete.

Die Folge: Zwei Leser schrieben, dass dieses Zitat ihnen „sehr viel gegeben“ bzw. „die Sache auf den Punkt gebracht“ hätte. Na dann …

Das Sonderbare: Umso kryptischer oder auch inhaltsleerer eine Aussage daherkommt, umso eher gewinnt sie Anhänger. Was vermutlich daran liegt, dass die Unschärfe der Aussage jedem Leser oder Hörer genügend Raum bietet, genau sich und seine Einschätzungen dort platzieren bzw. wiederfinden zu können. Alan Greenspan beispielsweise war ein Meister dieses Genres. Aus seinen legendären Statements ließ sich alles herauslesen. Immer auch das Gegenteil.

Aber auch die Notenbanken sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Alan Greenspans Warnung vor einem „irrationalen Überschwang“ (irrational exuberance) an den Aktienmärkten vom 5. Dezember 1996 ist ihnen nur vielleicht noch erinnerlich, ganz sicher aber die Warnung der EZB vor einer neuen Blasenbildung an den Aktien- und Anleihemärkten, die ja sozusagen noch warm ist.

Der Witz ist natürlich, dass die Notenbanken vor genau den spekulativen Blasen warnen, die sie selbst erzeugen. Natürlich wird die Risikobewertungsfunktion von Anleihen ausgehebelt, wenn eine Notenbank buchstäblich für jeden Schrott gerade steht. Würde eine Geschäftsbank auf diese Art und Weise einen Zinssatz manipulieren (s. Libor), bekäme sie eine Menge Ärger. Nicht zuletzt, weil es für den Anleger aufgrund fehlender angemessener Risikoaufschläge gar nicht mehr erkennbar ist, ob er es mit einer Anleihe bester Bonität oder aber mit einer Junk-Anleihe zu tun hat. Den „Nebeneffekt“, dass es mit Festverzinslichen praktisch nichts mehr zu verdienen gibt, haben sowohl Banken und Anleger als auch Verbraucher und Sparer zu tragen.

Damit nicht genug: Wie das OMFIF, eine Denkfabrik für die Kooperation von öffentlichen Institutionen und der Wirtschaft in dieser Woche entfüllt hat, investieren die Notenbanken dieser Welt auch selbst kräftig in Aktien und Rohstoffe. Aktuell sollen sie nach dem Bericht des OMFIF mit 29,1 Billionen US-Dollar engagiert sein. Das hat gleich drei äußerst fragwürdige Facetten.

1. Auch hier warnen die Notenbanken vor einer Überhitzung eines Marktes, den sie offenkundig selbst nach oben pushen. Das bedeutet

2. dass die Notenbanken nichts anderes begehen als einen offenkundigen Verstoß gegen das Verbot des Insiderhandels. Denn natürlich liegt der Verdacht nahe, dass die Notenbanken mit ihren Warnungen die Preise der Aktien und Rohstoffe zu drücken versuchen, um selbst preiswerter zum Zuge zu kommen. Auch bei so etwas sollte sich eine Geschäftsbank besser nicht erwischen lassen.

3. Die mächtigste Notenbank der Federal Reserve ist alles andere als eine unabhängige Notenbank. Sie ist eine „staatliche“ Einrichtung, die sich in Privatbesitz befindet. Und wer diese „Privaten“ sind, wird leicht erkennbar, wenn man einen Blick auf die Gründungsmitglieder des Federal Reserve-Systems wirft: Warburg, Rothschild, Lazard Frères, Lehman Brothers, Kuhn-Loeb, Goldman Sachs und die zum Rockefeller-Imperium gehörende Chase National Bank, um nur einige zu nennen. Und was auch wenig bekannt ist: Die Federal Reserve ist eine Aktiengesellschaft. Jetzt aber kommt der Clou:

Wenn Notenbanken, egal ob staatlich oder nur scheinbar staatlich, durch ihre besinnungslose Kreditvermehrung eine Blase nach der anderen produzieren und sie mit aus dem Nichts geschaffenen Geld finanzieren, um sich gleichzeitig in wachsendem Umfang Unternehmensanteile zu kaufen, dann ist die Perspektive eine ganz einfache:

Implodiert der Kreditballon einmal und/oder kommt es zu Währungsreformen, Schuldenschnitten o. ä., lösen sich viele der heutigen Kredite in Luft auf, während die Notenbanken zuvor mit dem Einsatz ihres virtuellen Geldes das Eigentum an sehr realen Wirtschaftsgütern erworben haben. Auf eine elegantere, wenn auch moralisch und ökonomisch höchst fragwürdige Art kann niemand an Unternehmen kommen. Beim Zusammenbruch des US-Hypothekenmarktes ab Sommer 2007 bemerkten einige Kritiker ganz zurecht, dass die Federal Reserve mit ihrer nach dem Kollaps der New Economy durchgedrückten Niedrigzins mitursächlich für die Krise des Immobilienmarktes gewesen ist. Seitdem aber haben die Notenbanken ihren Liquiditätsexzess noch einmal dramatisch verschärft. Die Folge:

Der nächste Zusammenbruch wird kommen. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er ein wenig heftiger ausfallen als 2000 und 2007. Dass das durch US-Präsident Ronald Reagan in Kraft gesetzte, nach Excecutive Order 12631 operierende Plunge Protection Team an der Wall Street verdeckte Operationen zur „Stabilisierung“ der Kurse durchführt, ist neun Jahre lang geheim geblieben. Womit wir es jetzt zu tun haben, geht über die umstrittenen Aktionen des PPT weit hinaus. Denn es ist der offene Versuch, Unternehmen mehr oder minder in die Hand von (Noten-)Banken zu bringen.

Zwei US-Präsidenten hatten versucht, das Geldschöpfungsmonopol wieder auf den Staat zu verlagern. Einmal Abraham Lincoln, dem die Kredite der Rothschild-Bank zu teuer wurden und der daraufhin eigene Dollarnoten (die sgn. Greenbacks) drucken ließ. Der zweite Versuch, das Geldmonopol wieder auf den Staat zu verlagern, wurde von US-Präsident John F. Kennedy unternommen. Beide Präsidenten wurden von Einzeltätern erschossen, die kurz darauf ebenfalls erschossen wurden.

Wall Street: Nur blauer Himmel

Janet Yellen räumte ein, dass die offiziellen Arbeitsmarktdaten nicht den Tatsachen entsprechen. Und daraus folgerten die Anleger, dass eine Zinserhöhung nun doch nicht so bald zu erwarten ist. Was den Optimismus an der Wall Street betrifft, spricht der Chart auf der Vorseite Bände:

Die Volatilität der der Chicagoer Optionsbörse CBEO gehandelten Optionen schickt sich an, einen neuen historischen Tiefststand zu erreichen. Vor dem Hintergrund der nun bekannt gewordenen Aktienkäufe durch die Notenbanken ist das nachvollziehbar. Vielleicht. Denn der Umstand, dass nach dem Anleihemarkt jetzt auch der Aktienmarkt von den Notenbanken „durchmanipuliert“ wird, hat ja auch durchaus negative Seiten. Laut OMFIF haben die Notenbanken 2013 an den Aktienmärkten ca. 250 Mrd. US-Dollar in den Sand gesetzt. Und erst einmal muss abgewartet werden, wie denn Wirtschaft und Politik darauf reagieren, dass gewisse Notenbanken nun ganz offen in die Eigentumsverhältnisse von Unternehmen eingreifen. Das kann dauern.

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EUR/USD: Was nun?

EUR/USD hatten wir uns ja wegen der rundum spannenden Konstellation schon in der letzten Woche angesehen. Im Wochenvergleich hat der Kurs etwas angezogen, nicht aber den Befreiungsschlag nach oben gebracht. Stattdessen ist der auf Wochenbasis eingestellte Trendfolge-Indikator MACD jetzt nur noch in der vierten Nachkommastelle positiv. Und sieht einfach ungut aus. Es riecht ganz streng nach einem neuen Verkaufssignal für den Euro!

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Shanghai: Die große Unbekannte

Während Dow Jones und DAX mit neuen Rekordmarken flirten, bewegt sich der Kurs des m. E. mittlerweile zweitwichtigen Aktienindex weiter am Abgrund:

Gerade noch einmal ein gutes Prozent Minus fehlt dem Shanghai Composite, um hier ein klares Verkaufssignal zu generieren. Man darf sich sicher sein, dass dann auch die ungebetenen Gäste der Notenbanken wieder auf die Bremse drücken werden. Und gerät das Ganze erst mal ins Rutschen, dann wird es kein Halten mehr geben.

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ZUSAMMENFASSUNG:

Dem Rentenmarkt haben die Notenbanken seine Risikobewertungsfunktion genommen und auch seine Profitabilität. Nun engagieren sich die „Währungshüter“ in großem Stil am Aktienmarkt. Theoretisch bahnt sich hier etwas Ungeheuerliches an: Der Aufkauf von Unternehmen mit Hilfe selbst gedruckten Geldes, das nach Stand der Dinge einmal implodieren wird. Soweit hier im Hintergrund die große Geschäftsbanken stehen, ist dieser Coup beispiellos. Und es bleibt abzuwarten, wie die Gegenwehr der Unternehmen und auch des Staates aussehen werden, wobei im letzteren Falle unklar bleibt, wer sich in Zeiten der totalen Überwachung überhaupt noch aus der Deckung wagt.

Technisch ist die Hausse an der Wall Street noch intakt. In China hingegen steht die Börse Spitz auf Knopf. Und im Währungsbereich brauen sich neue Trends zusammen, die es in sich haben dürften.

Viel Erfolg und beste Grüße

Axel Retz

About the Author:

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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