By 25. Februar 2013 Read More →

Sternstunde für Spekulanten

Bombenfeste Konjunktur- und Konsumerwartungen für Deutschland, nachgebender Euro und die Zinsen weiter auf Rekordniveau. Da muss der Markt ja laufen. Das Beste kommt erst noch, wenn man den Auguren glaubt. Kann sein. Oder auch nicht. Die Antwort steht aber vor der Türe.

 

Fasse ich einmal meine Beiträge der vergangenen drei Wochen stichwortartig zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Die Optimisten an den Aktienmärkten hatte ich davor gewarnt, dass die erwartete Überraschung auch von einer anderen als der vermuteten Seite kommen könnte, die Niedrigzins-Enthusiasten auf eine bevorstehende Zinswende vorbereitet und die Edelmetalljünger auf die bestehenden Abwärtsrisiken vorbereitet.

Es ist sicherlich noch zu früh, von endgültigen Trendwenden an den Märkten zu sprechen, aber zumindest scheint die Richtung meiner Prognosen bis jetzt alles andere als falsch gewesen zu sein. Vor dem Hintergrund der (kurzlebigen) Euphorie der Anleger über die neuen ZEW- und GfK-Prognosen ist das allemal nicht dumm gelaufen.

Was mich am meisten verblüfft, ist nicht der Markt, sondern der Umgang der Anleger mit ihm. Lassen Sie mich Ihnen daher heute (wieder einmal) eine Geschichte zu Gehör bzw. vor die Brillengläser bringen, die ich jedes Jahr einmal loswerden muss. Einfach, weil sie so lehrreich ist wie etwa die Fabel vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel. Wer die Story schon kennt, wird sich freuen, dass sie ihm wieder einmal über den Weg läuft. Es handelt sich, möchte ich anmerken, aber keineswegs um eine Anekdote, sondern um eine wahre Begebenheit:

In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts (das Jahr tut nichts zur Sache) herrschte in der sgn. Kornkammer der USA, dort wo das mit Abstand meiste Getreide angebaut wird, eine Monate lang währende Dürreperiode. Erbarmungslos dörrte die Sonne die noch kleinen Weizenpflänzchen aus, ließ den ausgetrockneten Boden furchig aufplatzen, und nicht ein einziger Tropfen Regen fiel. Die Getreidebauern standen vor dem Aus.

Nicht minder schlecht ging es den Weizen-Tradern an der Chicagoer CBOT. Wer mit seinen Futures short war, kam einfach nicht aus seinen Positionen heraus, da der Weizenpreis wegen des zu erwartenden Ernteausfalls tagtäglich „limit up“ startete, der Kurs also kräftig nach oben sprang, der Handel aber ausgesetzt blieb. Ein Margin-Call folgte auf den nächsten, die Verluste der Short-Trader wuchsen ins Unermessliche, da sie aus ihren Positionen wegen der Handelsaussetzung trotz ihrer Stopps ja einfach nicht herauskamen.

Dann, eines Nachmittags, zogen über Chicago dunkle Wolken auf, es begann zu stürmen und wenig später schüttete es wie aus offenen Schleusen gegen die Fenster der CBOT. Blitzartig sackten die Weizenpreise in sich zusammen, unter den Short-Tradern brach Jubel aus. Nur: Einige Hundert Meilen weiter westlich und südlich, über den endlosen Weizenfeldern, gleißte weiterhin erbarmungslos die Sonne auf die ausgetrockneten Ähren hinab. Von der Aussicht auf eine Ernte konnte nicht mehr die Rede sein.

Warum krame ich diese Geschichte gerade jetzt wieder hervor? Weil sich die Anleger in der letzten Woche wie hypnotisiert vor den sehr positiv ausgefallenen Zahlen des Mannheimer ZEW, der Nürnberger Konsumforscher vom GfK, des Einkaufsmanager-Index und des Ifo-Instituts verneigten. Der Witz dabei:

Während die Trader in Chicago damals (für uns heute fast nicht nachvollziehbar) „nur“ dem Fehlschluss unterlagen, aus dem, was sie sahen, auf das zu schließen, was sie nicht sahen, zogen sie in der abgelaufenen Woche wie selbstverständlich sogar Schlüsse aus dem, was andere lediglich erwarten, obwohl sie genau wissen (wissen könnten und vor allem sollten), das diese Erwartungen nur eine Art Echo auf die gestiegenen Aktienmärkte sind.

Um beispielsweise zu prognostizieren, wie der Ifo-Geschäftsklima-Index ausfallen wird, braucht es keine von der öffentlichen Hand finanzierten 170 Mitarbeiter wie in München – ein DAX-Chart tut es auch. Apriltief 2005, Aprilhoch 2007, Frühjahrstief 2009, Frühjahrshoch 2011, Herbsttief 2011 und zuletzt das Aprilhoch 2012 – sie alle fielen punktgenau zusammen mit den Hoch- und Tiefpunkten des Ifo-Geschäftsklima-Index. Drehte dann der DAX, drehte auch der Ifo-Index.

Was also soll der ganze ritualisierte Schnickschnack, der jedes Mal um die Ifo-Zahlen veranstaltet wird? Und: Träfe es wirklich zu, dass die Börsen auf überraschend bullishe Daten von ZEW, Ifo, GfK etc. mit Kurssprüngen reagieren, stünden wir nach  den knackig positiven Überraschungen bei diesen Zahlen heute noch inmitten der Rauchschwaden eines in den letzten Tagen abgebrannten Kursfeuerwerks.

Das wurde aber gar nicht erst gezündet. Im Vergleich zum Vorwochenschluss legte der DAX gerade einmal um 69 Punkte zu – 123 Punkte unterhalb des am Mittwoch markierten Wochenhochs. Wie auch immer, das Ergebnis ist mehr als interessant.

Denn der DAX beendete die Woche ganz genau auf der durch das Maihoch 2011 und die vom Junitief d. J. definierten Kreuzunterstützung.

Das heißt – Pardon an alle eingefleischten Bullen oder überzeugten Bären – von hier aus kann alles passieren. Die jetzt erreichte Marke kann sich sowohl als Sprungbrett auf neue Rekordmarken als auch als Falltür in einen neuen Baissestrudel erweisen. Sie wissen es nicht. Und ich weiß es auch nicht. Andere wissen es. Und noch viel mehr andere werden später darauf pochen, es gewusst zu haben. Ich meine:

Die Wahlen in Italien, die (s. meine früheren Beiträge) durchaus „Euro-entscheidend“ werden können, am Wochenende vor der Türe, Frankreich mit einer schwelenden Lunte für neue brennende Vorstädte, Spanien und Griechenland mit Arbeitslosenquoten von jeweils 26 Prozent und über 60 Prozent bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die FED zerstritten über die Fortsetzung der wirkungslosen Anleihekaufprogramme auf der einen Seite, überoptimistische deutsche Konjunktur- und Wirtschaftsforschungsinstitute auf der anderen Seite sind eine Mischung, die für den Aktienmarkt das genaue Gegenteil eines heiteren Aufschwungs bedeutet, zumal sich auch im US-Fiskalstreit die Fronten eher zu verhärten scheinen.

Derzeit habe ich in meinen drei Börsendiensten nicht eine einzige Position auf den DAX, wohl aber auf zahlreiche Einzelwerte. Jetzt wissen Sie, warum. Und Sie wissen auch, dass eine neue Position auf den deutschen Aktienindex jetzt in der Pipeline ist.

Kleines Intermezzo

Nicht dass Sie denken, diese Woche gäbe es nichts „Politisches“ und weiteres Interessantes zu berichten. Ganz im Gegenteil. Und obwohl Karneval/Fasching längst vorbei ist, mutet es einfach spaßig an. Auf den ersten Blick zumindest:

CDU-Bundestagsmitglied Hartwig Fischer plädiert dafür, die „trotz aller Kontrollen“ in den Handel gelangten Pferdefleisch-Lebensmittel an Bedürftige wie z. B. die Tafeln zu verteilen. Schöne Idee, solange niemand weiß, was an Medikamenten drin steckt und ob die Gäule geschlachtet wurden oder schon tot waren, bevor sie in den Handel kamen.

Papst Benedikt XVI soll, so ital. Zeitungen, nicht wegen seines Alters, sondern wegen eines die Kurie eherrschenden Schwulen-Netzwerkes seinen Rücktritt erklärt haben. Im Hintergrund soll auch ein in der Schweiz ansässiger „internationaler Finanzfachmann“ stehen. Hätte ich da nicht einen guten Bekannten, der mich bis vor Kurzem täglich mit bis zu 30 wirr wirkenden Mails unglaublichen, haarsträubenden Inhalts bombardiert hätte und ebenfalls bis vor kurzem in Genf tätig war und eben internationaler Finanzexperte ist, würde ich das als Bullshit abtun. So aber müssen wir abwarten. Denn ist dieser Mann nicht paranoid (und als ich ihn das letzte Mal traf, war er es noch nicht), wird sich der Vatikan noch mit viel mehr als damit konfrontieren lassen müssen. Und die Prophezeiung des heiligen St. Malachias, wonach die katholische Kirche bzw. das Papsttum mit dem 267sten Papst untergehen wird (Benedikt XVI ist der 266ste), könnte sich tatsächlich erfüllen.

Hans Werner Sinn (Prof. Dr. – pardon) führte aus: „Der Kapitalismus ist deswegen so effektiv, weil hinter jedem Kredit der Besitzer des Vermögens steckt. Er hat schlaflose Nächte, weil er um sein Kapital bangt, und genau deshalb lässt er bei der Kapitalanlage höchste Vorsicht walten.“ Nett. Genau das Gegenteil machen die Banken, Herr Sinn (Prof. Dr. – pardon). Unter das europäische Protektorat der „Systemrelevanz“ und der „too big to fail“-Doktrin gestellt, haben sie überhaupt keinen Grund, um ihr Kapital zu bangen. Denn erstens ist es überhaupt nicht ihr Kapital und zweitens können sie sicher sein, dass der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden wird, wenn sie sich verzockt haben. Natürlich „darf das nie mehr so sein“, versichert uns die Bundesregierung. Und das tut sie bereits seit 2008, während sie Gelder für EFSF und ESM spendiert, das dann wohin fließt? Genau.

Und die Notenbanken? Hinter ihren Krediten steckt nicht einmal ein Besitzer irgendeines Vermögens. Hinter diesen Kredit-Luftbuchungen steckt ein Mausklick, der aus wehrlosen Bürgern auf Generationen hin Schuldner macht.

Die FDP, das zum Schluss, ist die Partei der „Leistungsgerechtigkeit“. Sagt Herr Westerwelle. Der Mann bleibt sich treu. „Leistung muss sich wieder lohnen“ zierte auch schon einmal eines seiner Wahlplakate. Aber zurück zum Markt:

Edelmetalle mit Verkaufssignal

Bei Silber hatte ich in der letzten Woche darauf hingewiesen, dass die Edelmetallfreunde auf der Hut sein sollten, da sich der Markt mittlerweile entgegen aller optimistischen Prognosen offenkundig eher mit einem Rezessions- und Deflationsszenario beschäftigt – womit das Inflationsschutz-Argument zunehmend in den Hintergrund tritt.

Wie Sie im Chart sehen, kam diese Warnung gerade zur richtigen Zeit: Silber hat seine seit Ende 2008 bestehende Aufwärtstrendlinie jetzt nach unten durchbrochen und damit ein Verkaufssignal gegeben! Bei Gold – Sie wissen es, wurde die Aufwärtstrendgerade schon lange unterschritten. Und wie es aussieht, könnte den Edelmetallen erneut ein Schlag bevorstehen, wie wir ihn zuletzt am Zenit der Finanzkrise 2008 erlebt haben.

Das zumindest signalisiert der Chart des Gold- und Silberminenindex der Börse von Philadelphia, dem allgemein eine Vorlauffunktion vor den Edelmetallen zuerkannt wird. Denn damals durchbrach der Kurs die solide, im Herbst 2000 gestartete Aufwärtstrendlinie. Und genau das hat er in der abgelaufenen Woche erneut getan. Das heißt: Nicht nur die Zinsen (s. Beitrag der letzten Woche) sondern auch DAX und die Edelmetalle stehen jetzt ganz offenkundig vor neuen Weichenstellungen.

Und ob Zufall oder nicht: Das gilt auch für EUR/USD. Die wichtigsten „Fundamentals“ sind hier in den am Sonntag und Montag stattfindenden Parlamentswahlenin Italien und im immer noch offenen Fiskalstreit in den USA zu sehen. Von beidem wissen wir den Ausgang nicht.

Aber wir wissen, dass sich EUR/USD mit dem Freitagsschlusskurs ganz genau auf die untere Begrenzung des seit Juli bestehende Aufwärtstrendkanals zurückbewegt hat, während MACD und Momentum im Wochenchart unmittelbar vor einem neuen Verkaufssignal stehen.

Wie es aussieht, ist es in den kommenden Handelstagen völlig gleich, ob Ihr Herz eher für die Aktien-, die Renten-, die Edelmetall- oder die Devisenmärkte schlägt. Winterschlaf ist nicht. In den vergangenen Wochen das Pulver trocken zu halten und den bullishen oder bearishen Einpeitschern die kalte Schulter zu zeigen, war das Beste, was Sie tun konnten. Jetzt aber naht die Zeit für neue Positionen!

Viel Erfolg und beste Grüße

Axel Retz

 

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

Posted in: Marktanalysen

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Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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