By 24. Juli 2014 Read More →

Kredit, Schulden, Krisen – ein Pulverfass

Die Stimmen, die vom Ende der Finanzkrise reden, häufen sich von Tag zu Tag. Das verdient eine kritische Würdigung. Aber so oder so: Bis jetzt laufen die Börsen immer noch im Hausse-Modus. Mit allerdings erkennbar gehissten Warnflaggen. Ein wenig Umschichten lohnt. 

Liebe Leserinnen und Leser,

die Dauerberieselung der Anleger mit Erfolgsmeldungen bei der Bewältigung der Finanzkrise zeigt durchaus Wirkung: Viele Akteure an den Märkten glauben das tatsächlich – selbst wenn es im ZDF gesendet wird.

Dazu drei Anmerkungen:

1. Wenn Spanien zu Beginn der Sommerferien und im Schatten der Fußball-WKM klammheimlich eine Steuer auf alle Sparguthaben einführt, dann kann von einer überwundenen Rezession wohl kaum die Rede sein. Erst recht nicht bei einer Jugendarbeitslosenquote von über 50 Prozent.

2. Wenn die Schulden der Euro-Staaten heute sogar noch über ihren Hoch vom offiziellen Zenit der Finanzkrise liegen, was hat sich denn dann zum Guten gewendet?

3. Wenn der SoFFin zur Bankenrettung, der ursprünglich 2010 auslaufen sollte, Anfang Juli zum dritten Mal bis (jetzt) Ende 2015 verlängert wurde, ist das in etwa ein Zeichen von Stabilität? Seit seiner Gründung auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Oktober 2008 nahm der SoFFin 2,15 Milliarden Euro ein, häufte im gleichen Zeitraum allerdings einen kumulierten Verlust von 21,5 Milliarden Euro an. „Das Ergebnis für den Steuerzahler ist uneingeschränkt positiv.“, meinte FMSA-Chef Pleister Ende 2013 dazu. Vielleicht hat der Mann einfach anders rechnen gelernt als ich.

4. Der Baltic Dry Frachtraten-Index ging am Freitag bei 738 Punkten aus dem Handel. Zu Jahresbeginn notierte er bei 2.113. Sein Allzeithoch erreichte der Index am 20. Mai 2008 bei 11.793 Punkten, das Tief (3. Februar 2012) lag bei 647 Zählern. Vom Allzeithoch sind wir nun also 93,74 Prozent gefallen.

Beim HARPEX, der die Preisentwicklung am Chartermarkt für Containerschiffe misst, lag das aus 2006 stammende Allzeithoch bei 1.839, gestern notierte der Index bei 410. Von der Bestmarke aus berechnet, bedeutet das ein Minus von 77,70 Prozent.

Wenn die Weltwirtschaft die „Finanzkrise“ tatsächlich überwunden hätte, müsste sich das in den Warenströmen erkennen lassen. Aber was wir hier sehen, spricht eine ganz andere Sprache: Wenn die beiden wichtigsten Indizes zur Erfassung des Warenaustauschs auf den Weltmeeren um über drei Viertel unterhalb ihres Vorkrisen-Niveaus liegen, gehört schon eine sehr manipulative Interpretation dazu, um das als Erfolg zu verkaufen.

Eines aber daran ist auch positiv, zumindest auf den ersten Blick und nach gängiger Sichtweise der Marktteilnehmer: Die Federal Reserve mag so viel von einer kommenden Zinswende reden wie sie will: In diesem weltwirtschaftlichen Umfeld kann und wird sie das nie und nimmer umsetzen können.

Goldgräberstimmung bei der BaFin

Nein, es war kein Gerücht. Mittlerweile hat die BaFin auf Anfrage eingeräumt, Banken und andere Big Player der Branche aufgefordert zu haben, bis zum 15. Juli Auskünfte über die Edelmetall-Engagements ihrer Kunden zu erteilen. Erfasst werden sollten dabei allerdings weder Bestände an physischem Material (Gold, Silber, Platin und Palladium) oder private Depots, sondern ausschließlich Derivate, also z. B. ETFs, ETCs und Zertifikate.

Warum sich die dem Bundesfinanzministerium unterstellte Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht für das Volumen von Verkäufen dieser Derivate interessiert, bleibt erst einmal offen, die BaFin selbst sprach von einer Routine-Abfrage. Wenn der deutsche Haushalt allerdings selbst bei Steuereinnahmen in Rekordhöhe immer noch auf Neuverschuldung angewiesen ist und ein ausgeglichener Haushalt nur unter anwendung haushalterischer Winkelzüge erreichbar ist, könnte die Abfrage der BaFin auch durchaus anderen Zwecken dienen – beispielsweise der Aufnahme von Edelmetallbeständen in die künftige Steuererklärungspflicht. Gut, wir wissen es nicht, aber hier wachsam zu bleiben, kann kein Nachteil sein.

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Aus technischem Blickwinkel heraus hat der Goldpreis seinen hoffungsvollen Startversuch fürs Erste zumindest unterbrochen. Denn der auf Wochenbasis eingestellte KSB-Trendindikator für den Unzenpreis ist nun wieder um Haaresbreite in den negativen Bereich abgerutscht. Angesichts der Eskalation diverser Krisenherde rund um den Globus ist diese Schwäche umso bemerkenswerter. Goldbullen, die sich mit dem Gedanken an Käufe/Zukäufe tragen, sollten sich vor diesem Hintergrund fragen, ob sie nicht bald noch erheblich günstigere Kaufchancen präsentiert bekommen werden.

Börsenkredite: Stillstand – Wende intakt

Bei der Nachfrage nach Börsenkrediten in den USA gab es zuletzt eine minimale Erholung, die aber unter dem Strich dermaßen schwach ausfiel, dass sie dem Gesamtbild einer bereits vollzogenen Abwärtswende keinen Abbruch tut.

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Dass sich der S&P 500 dessen ungeachtet weiter in Rekordlaune befindet, passt perfekt zum Ablauf der Ereignisse in den Jahren 2000 und 2007. Auch damals kam der Dreh der Wall Street erst ein wenig später – in beiden Fällen aber mit der bekannten drastischen Konsequenz.

DAX: Noch im grünen Bereich

Um es zu wiederholen: Solange die Wall Street in Rekordlaune bleibt, sollten sich Anleger am heimischen Markt nicht ins Bockshorn jagen lassen: Eine Trendwende des DAX ohne entsprechende Moll-Töne aus New York hat es noch nie gegeben!

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Charttechnisch sind wir von einem derartigen Risiko allerdings nicht allzu weit entfernt, wie Sie im nebenstehenden Langfristchart sehen. Auf Wochenschlusskursbasis liegt das deutsche Aktienbarometer jetzt exakt auf der vom Kurstief 2011 ausgehenden Aufwärtstrendlinie. Ein klarer Bruch dieser Unterstützung würde dem DAX einen Abwärtsspielraum bis zur sehr massiv wirkenden Auffanglinie bei 8.000 Punkten eröffnen. Aber soweit sind wir noch nicht. Ab wo es eng wird für die Haussiers, das erkennen Sie im Chart rechts:

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Die untere Begrenzung des vom Junitief 2012 ausgehenden Aufwärtstrendkorridors verläuft aktuell knapp unterhalb des 200 Tage-GD (im Wochenchart als GD40 abgebildet). Momentum und MACD sehen derweil durchaus „wendebereit“ aus. D. h.:

Werden 200-Tage-GD und Aufwärtstrendlinie auf Schlusskursbasis unterschritten, dürfte die Hausse einer größeren Korrektur Platz machen!

EUR/USD: Angezählt

Dass die Ereignisse in der Ukraine-Krise bei EUR/USD jetzt jederzeit eine „Sonderrolle“ übernehmen können, steht außer Frage. Dessen ungeachtet verdichten sich die Hinweise, dass die Gemeinschaftswährung am Startpunkt einer neuen, größeren Konsolidierung stehen dürfte. Die seit Juli 2012 etablierte Aufwärtsgerade wurde in der abgelaufenen Woche unterschritten, der 200 Tage-GD hat (minimal) nach unten eingedreht, MACD und Momentum-Indikator sind bearish!

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Noch hält hier die bei 1,35 liegende und damit ja zum Greifen nahe waagerechte Unterstützung, die der Kurs in diesem Jahr bis jetzt erfolgreich verteidigen konnte. Aber:

Wie wir seit dieser Woche wissen, hat die Bedeutung des Euro als Reservewährung zuletzt weiter nachgegeben. Und in „Krisenzeiten“ flieht das große Kapital im Zweifelsfall immer noch in den Dollar, der ja auch vom Zinserwartungshorizont gegenüber dem Euro die besseren Perspektiven verspricht. Theoretisch zumindest, denn wie oben ausgeführt, kann ich mir eine Zinsverschärfung in den USA im herrschenden wirtschaftlichen Umfeld beim besten Willen nicht vorstellen. Setzt sich der Kurs des Euro gg. dem US-Dollar unter 1,35, ist es an der Zeit, aus den zunehmend riskanter werdenden Aktienmärkten einen Teil des Risikokapitals in einen EUR/USD-Put umzuleiten. Dass die Position eng abgestoppt werden sollte, versteht sich angesichts der aktuellen Umwägbarkeiten von allein.

ZUSAMMENFASSUNG:

Bis jetzt haben sich die Aktienmärkte gegenüber den doch durchaus erheblichen Risikokonstellationen in der Ukraine und im Nahen Osten ausgesprochen resistent gezeigt. Der Glaube an die „überwundene Finanzkrise“ ist allerdings ein Trugbild, das der Realität nicht standhält. Und hierin liegt derzeit das größte Risiko. Für die Wall Street bleibt es bei der in der Vergangenheit meist verhängnisvollen Abwärtswende der Nachfrage nach Börsenkrediten, während der DAX knapp unter 9.500 in schwierigeres Fahrwasser geraten könnte. Eine neue Chance scheint sich am Devisenmarkt anzubahnen, wo EUR/USDschon unter 1,35 reif für weitere Kursverluste erscheint.

Viel Erfolg und beste Grüße

Axel Retz

About the Author:

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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