By 27. Januar 2013 Read More →

Kettensäge ans Wirtschaftswachstum

Ach, die Briten. Mit ihrer Euro-Skepsis liegen sie ja keineswegs daneben. Und was die Kritik an einer zentralisierten, von Brüssel kontrollierten EU betrifft, schon einmal gar nicht. Aber was Premier Cameron beim Weltwirtschaftsforum in Davos vorlegte, öffnete der ökonomischen Dummheit Tür und Tor. Und die Prominenz flanierte freundlich winkend hindurch.

2017 – und das ist ja noch ein Weilchen hin – will der britische Premier die Bürger über einen Verbleib Großbritanniens entscheiden lassen, vorausgesetzt er übersteht die nächsten Wahlen. Dass sich die Regierungen etwa Deutschlands oder Frankreichs um einen solchen Volksentscheid nach Kräften herumdrücken, ist schlimm genug, zumal Camerons „kühner“ Vorschlag nichts anderes ist als das, was in einer funktionierenden Demokratie selbstverständlich sein sollte, wenn es um dermaßen wichtige Themen geht. Spätestens der Ausgang der Landtagswahlen in Niedersachsen sollte das Kanzleramt einmal darüber nachdenken lassen, warum Schwarz-Gelb trotz immer höherer Zustimmungsraten zur Kanzlerin, der höchsten jemals gemessenen Beschäftigtenzahl und des in Reichweite gekommenen ausgeglichenen Haushalts eine solche Schlappe hinnehmen musste.

David Camerons Feststellung, dass die EU Gefahr laufe, im internationalen Vergleich bei der Wettbewerbsfähigkeit abgehängt zu werden, setzte bei Bundeskanzlerin Merkel reflexartig die Forderung nach etwas frei, von dem wir nicht erst seit Goethes Faust wissen, dass es nicht immer gut ausgeht: Ein neuer Pakt muss her, ein europäischer Pakt für Wettbewerbsfähigkeit!

Zwei derartige Brüsseler Ungetüme geistern bereits durch die Union: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt und der Fiskalpakt. Der eine hat nicht verhindern können, dass die Arbeitslosenquote in der EU von einem Rekord zum nächsten klettert. Mit sage und schreibe 26 Prozent und einer unfassbaren Jugendarbeitslosenquote von 60 Prozent führte Spanien im letzten Quartal 2012 die Datenreihe an. Und was den Fiskalpakt betrifft, war er schon aufgeweicht, noch bevor die Tinte trocken war. Schlimmer aber:

Ganz im Sinne eines Hans Werner Sinn (Ifo) versteht auch die Kanzlerin unter Wettbewerbsfähigkeit vor allem eines: Das Lohnniveau muss herunter. Das bedeutet zwar nicht automatisch, dass die volkswirtschaftlich als „Volkseinkommen“ bezeichnete, potentiell kaufkraftwirksame Kapitalsumme sinkt, aber wenn sich die Einkommensschere zwischen „unten“ und „oben“ immer weiter öffnet, wird es nun einmal nicht so sein, dass ein Vielverdiener die VW-Golf kauft, die sich 50 Niedriglohnverdiener nicht mehr leisten können. Und:

Wohin die Reise geht, wenn immer mehr Menschen immer weniger im Portemonnaie haben, sehen wir überdeutlich am Beispiel der USA, deren Bürger wahrlich nicht im Verdacht stehen, Konsumverweigerer zu sein. Sie würden, wenn sie könnten.

Solange unter Wettbewerbsfähigkeit verstanden wird, dass über die sinkende oder stagnierende Löhne die Gewinnmargen der Unternehmen gesteigert werden müssen, bewegen sich Europa, USA und China in eine gefährliche Abwärtsspirale hinein, an deren Ende die „wettbewerbsfähigen“ Produkte vielleicht an irgendeine intergalaktische Konföderation verkauft werden können, nicht mehr aber an den spanischen, britischen, chinesischen oder amerikanischen Konsumenten. Eingeschlagen haben wir diesen Weg bereits. Wird er konseqeunt fortgesetzt oder gar forciert, werden die Unternehmensgewinne über kurz oder lang einbrechen, während die „Wettbewerbsfähigkeit“ ihren Zenit erreicht. Dumm nur, dass das in Davos nicht verstanden wird.

Zwei Charts für die US-Notenbank

Dass sich im Offenmarktausschuss (FMOC) der Federal Reserve zuletzt erster Widerstand gegen die unbegrenzte Niedrigzinspolitik und den andauernden Ankauf von Staatsanleihen formiert hat, hatte ich bereits in den letzten Wochen dargelegt.

Neu ist, dass nun erstmals Einsicht in die Sitzungsprotokolle der FED aus den Jahren 2007 und 2008 möglich war. Und was sich dort findet, kann einem schon die Haare zu Berge stehen lassen. Im FMOC, dessen damaliger Vizepräsident Timothy Geithner von Ende 2008 bis zum gestrigen Freitag Finanzminister der USA war, wurden das Ausmaß der Hypothekenkrise und ihre Auswirkungen völlig falsch eingeschätzt. Oder anders ausgedrückt:

Die vermeintlich bestinformierte Finanzinstitution der Welt stolperte ebenso blauäugig wie unvorbereitet in die größten Turbulenzen der Weltwirtschaft seit der Großen Depression des letzten Jahrhunderts.

Heute, Sie wissen es, ist es erklärtes Ziel der FED, mit den Aufkäufen von Staatsanleihen so lange fortzufahren, bis die Arbeitslosenquote unter 6,5 Prozent gefallen ist. Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Denn zum einen, ich hatte es ja wiederholt dargestellt, orientiert sich die Notenbank damit an den offiziellen Arbeitsmarktzahlen, die mit einer Arbeitslosenquote von aktuell 7,80 Prozent meilenweit von den von www.shadowstats.com berechneten Zahlen von knapp über 23 Prozent abweichen. Selbst führende US-Republikaner (s. Beitrag der letzten Woche) beklagten vor dem Kongress, dass die von der Regierung vorgelegten Daten massiv geschönt sind. Warum also bedient sich die FED ausgerechnet an diesem Datenmüll?

Zum anderen unterstellt die Ankündigung der FED, dass es in ihrer Macht liege, einen positiven Einfluss auf den Arbeitsmarkt zu nehmen. Sehen Sie sich hierzu erst einmal den Korrelationschart zwischen Leitzins und Arbeitslosenquote an. Die Erkenntnis ist frappierend, zumindest auf den ersten Blick: Immer wenn die US-Notenbank einen neuen Zinssenkungszyklus einläutete, setzte sich die Arbeitslosenquote nach oben in Bewegung. Natürlich sollten wir hier nicht Ursache und Wirkung vertauschen, aber es erscheint nur logisch, dass die Aussicht auf sinkende und vielleicht sogar stark sinkende Zinsen Unternehmen und Konsumenten eben nicht ermutigt, neue Investitionen oder Anschaffungen in Angriff zu nehmen, sondern sie vielmehr geradewegs dazu verleitet, damit zuzuwarten, bis Kredite billiger zur Verfügung stehen!

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Die FED befindet sich damit, auch das hatte ich ja unlängst ausführlich thematisiert, auf einem langen und beharrlich verfolgten Irrweg. Würde sie ankündigen, die Zinsen bald erhöhen zu wollen, würden Unternehmen, Verbraucher und Immobilienkäufer einen wahren Run auf Kredite starten, um sich das derzeit sensationell niedrige Zinsniveau zu sichern – und damit genau das zünden, woran sich die Notenbank bis jetzt vergeblich versucht hat – einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung!

Aber die FED versteifte sich in ihrer erklärten Politik ja auch nicht auf den Leitzins, sondern auf die Dauer der Ankäufe von Staatsanleihen, mit denen sie ihren Beitrag zur Senkung der Arbeitslosenquote zu leisten gedenkt. Also auch hierzu ein Chart, der uns über die Sinnhaftigkeit dieser Idee Auskunft gibt.

Im Oktober 1985 (den ich gewählt habe, weil die mir zur Verfügung stehende Datenreihe dort startet, lag die Rendite der US-Staatsanleihen bei 11,10 Prozent, gestern verabschiedete sie sich mit 1,854 Prozent ins Wochenende.

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Eine wirkliche positive oder negative Korrelation zwischen der Rendite der Staatsanleihen und der Arbeitslosenquote existiert offenkundig jedoch überhaupt nicht. Seit Start der Datenreihe hat sich die Rendite der US-Bonds gesechstelt, die Arbeitslosenquote liegt jedoch oberhalb des damaligen Levels. Und da kündigt die FED allen Ernstes an, ihr Anleihe-Kaufprogramm zur unterstützenden Senkung der Arbeitslosenquote beibehalten zu wollen? Es gibt wahrlich charmanteren Unfug.

Würde sie (s. o.) Zinsanhebungen ankündigen, spränge die Konjunktur sofort an. So aber fließt freie Liquidität vornehmlich in die Finanzmärkte statt in die Wirtschaft, die natürlich auch keinerlei Anlass hat, neue Arbeitsplätze zu schaffen

Da zu Wochenbeginn nun auch die Bank of Japan unbegrenzte Käufe von „Anleihen und anderen Wertpapieren“ angekündigt hat, befinden sich (fast) alle wichtigen Notenbanken der Welt nun im Würgegriff der Politik bzw. ihrer Strategie, mit immer mehr neuen Schulden zur Bekämpfung alter Schulden anzutreten und über die Währungsschiene die eigenen Exportchancen zu verbessern.

Unter dem Schlagwort „Währungskrieg“ waberte gerade letztes Thema in der abgelaufenen Woche wieder vermehrt durch die Medien. Wäre das Wechselargument stichhaltig, müssten die USA seit langem Export weltmeister sein, da sich der Dollar-Index seit Jahrzehnten im Abwärtstrend befindet. Die US-Handelsbilanz (Exporte und Importe) spricht jedoch eine ganz andere Sprache. Oder um es ganz platt auf den Punkt zu bringen: Wer mehr exportieren und seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern möchte, wird das nachhaltig weder über Lohn- noch über Währungsdumping erreichen, sondern einzig über die Qualität und Attraktivität seiner Produkte. Genau das ist der Grund dafür, dass Deutschland sowohl bei einem Wechselkurs von 0,84 als auch bei 1,59 EUR/USD Exportweltmeister war.

Sentiment: Grüße aus 2000

Fondsmanager. Kein beneidenswerter Job. Auch dank der EU-Regularien. Erst recht aber aufgrund der deutschen Bürokratie, die mich vor jedem Fondsmanager den Hut ziehen lassen, der sich das antut. Nur: Aus welchen Gründen auch immer hinkt die ganz überwiegende Mehrzahl der Aktienfonds der Performance ihrer jeweiligen Benchmarks regelmäßig hinterher. Das ist dumm. Und in meinem unlängst erschienenen Beitrag zu meinem „Kapitalschutz-Brief“ hatte ich ja auch dargelegt, dass dem Privatanleger viel bessere, erfolgreichere Möglichkeiten offen stehen.

Der zentrale Fehler der Fonds scheint darin zu bestehen, dass sich ihre lenkenden Köpfe „prozyklisch“ verhalten. Diese Leute glauben also, dass beispielsweise ein steigender Ifo-Geschäftsklima-Index, bullish ist, obwohl er mehr oder weniger nur ein Echo auf die Aktienmarktentwicklung der letzten vier Wochen wiedergibt.

Die „LO equity funds“ [Aktienfonds, die nur in Aktien long gehen können (LO=long only), sind zuletzt mit wehenden Fahnen an der Wall Street eingestiegen. Einen ähnlichen Exzess gab es zuletzt Im Februar 2000, also unmittelbar vor der Mega-Baisse der New Economy, was die Fonds bzw. ihre Anleger sehr, sehr teuer bezahlt haben.

Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass der DAX nur noch ein paar Prozentpünktchen von seinem Allzeithoch entfernt ist, während sich im S&P 500 ein charttechnischer „Baissekeil“ entwickelt hat und der Trendfolge-Indikator MACD wieder dort angelangt ist, von wo aus er alle wichtigen Abwärtskorrekturen des vergangenen Jahres eingeleitet hat. Das bedeutet: Sowohl chart- als auch sentimenttechnisch zeigen sich deutliche Warnhinweise. Ein kurzfristiges Überschießen der Kurse, begleitet von einem Freudentaumel der Anleger sollte uns genau darauf achten lassen, wann sich in den Charts Zeichen einer Trendwende zeigen. Aus fundamentalem Blickwinkel sind es die völlig falschen Ansätze von Politik und Notenbanken, die weltweit steigende Arbeitslosenquoten, sinkende Kaufkraft und damit Nachfragerückgänge sorgen werden. 2013 dürfte daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Volltreffer für den Schweizer Vermögensverwalter Felix Zulauf bereithalten. Denn der hatte in einem Interview kürzlich ausgeführt:

„Die ersten Monate des Jahres 2013 werden so aussehen, als ob sich die Wirtschaftslage bessert oder wenigstens stabilisiert. Dann werden die Investoren aber langsam merken, dass der erwartete Wirtschaftsaufschwung nicht eintritt. Daraufhin brechen die Märkte ein.“

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Bei steigenden Kursen blind neue Puts zu kaufen, ist natürlich barer Unsinn. Sichern Sie stattdessen Ihre Positionen über Stop-loss-Orders ab. Es schläft sich besser.

Viel Erfolg und beste Grüße!

Axel Retz

www.private-profits.de

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

Posted in: Gastbeiträge

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Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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