By 10. Februar 2013 Read More →

Grossanleger warten auf den Einstieg

Der sgn. Januar-Indikator lässt für das neue Jahr einen bullishen Verlauf erwarten, während der Superbowl-Indikator für Kursverluste spricht. Mit beiden viel beachteten Indikatoren hätten Sie in den letzten Jahren einige applauswürdige Bruchlandungen hingelegt. Handfesteres, worauf Sie achten sollten, ist aber in der Pipeline.

Während sich die Fernsehwelt (warum denn wohl?) statistisch belastbaren Untersuchungen zufolge mit zunehmendem Zuschauerschwund herum plagt, sorge ich mich eher um den Fortbestand des Theaters und der Oper. Was will man heute noch auf die Bühne bringen, das nicht von der Realität in den Schatten gestellt würde?

Sicher: Dass im von hier nur knapp 10 km entfernten Bayreuther Festspielhaus ein Heldentenor in Strapsen und mit Aldi-Tüten in der Hand herumsingt, ist nach dem, was ich gelesen habe, anscheinend Kunst. Natürlich keine von der entarteten Art, weil ja R. Wagner. Die großen Dramen und Komödien spielen sich jedoch nicht mehr auf der Bühne, sondern im Leben ab. Für die Tragödien waren, historisch betrachtet, ja fast immer die Griechen zuständig. Vielleicht aber bald auch die Italiener. Denn in zwei Wochen finden dort Parlamentswahlen statt. Wie es aussieht, dürfte an der Urne diesmal vermutlich über etwas ganz Anderes abgestimmt werden: über den Euro.

Fernsehbilder wie aus Griechenland, wo sich hungernde Menschen bei einer kostenlosen Lebensmittelausgabe um die letzten Tomaten prügeln, sind sicher nicht das, was Rai 1 (vergleichbar dem ARD) in der abendlichen Nachrichtensendung auch aus Italien berichten möchte. Auch wird man kaum Arbeitslosenquoten von über 60 Prozent bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen verkünden wollen, wie wir sie heute in Spanien haben.

Seit dem Amtsantritt Mario Montis, früher einmal Vorstandsmitglied der von Verschwörungstheorien umwobenen Bilderberg-Konferenz, hat sich die wirtschaftliche Lage Italiens deutlich verschlechtert, seit der Einführung des Euro ist die Auslandsverschuldung der ital. Volkswirtschaft auf das Vierfache angestiegen, während das Land neben Zypern der einzige Krisenstaat ist, in dem die Lohnstückkosten nicht zurückgegangen sind – was nach Brüsseler Lesart die Wettbewerbsfähigkeit des Landes unterminiert. Aber wie auch immer:

Der steigende Unmut über die (zweifellos kritikwürdige) „Eurokratie“ und die Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind vor Wahlen eine gefährliche Mischung. Und Italienern, die einen Denkzettel nach Brüssel senden oder für das Land ohne den Verbleib in der EU eine bessere Perspektive sehen, können und werden ihr Kreuzchen beim wieder an den Start gehenden Silvio Berlusconi („Ich bin der Jesus Christus der Politik“) machen. Denn der tritt neben dem immer verfangenen Versprechen von Steuersenkungen auch mit der Ankündigung an, Italien vom Joch der Sparpolitik und der Bevormundung insbesondere Berlins zu befreien.

Ende Februar dürfte mit den Parlamentswahlen in Italien m. E. eher die erste wirkliche „Volksabstimmung“ zum Euro stattfinden. Und sollte Silvio B. danach zum fünften Mal auf dem Stuhl des Ministerpräsidenten Platz nehmen, sind die Tage des Euro (und wohl auch Europas) vermutlich gezählt. Bleibt uns das erspart, dürfte der Euro seine Aufwärtsbewegung beschleunigen – vor allem gegen den US-Dollar.

Denn im Dollar-Index (US$ gegen einen Korb der wichtigsten Währungen) hat sich eine charttechnisch abwärts weisende „Schulter-Kopf-Schulter“- Formation gebildet, deren entscheidende Nackenlinie in unmittelbarer Reichweite liegt.

Tradesignal Online. Tradesignal® ist eine eingetragene Marke der Tradesignal GmbH. Nicht autorisierte Nutzung oder Missbrauch ist ausdrücklich verboten.

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Bisweilen ist es gerade der Rat, am Markt eben einmal nichts zu tun, der der am richtigsten ist. Bei EUR/USD ist das derzeit sicherlich der Fall. Denn die in den letzten Tagen entstandene neue Lage im italienischen Wahlkampf könnte Wetten auf oder gegen den Euro rasch zum Minusgeschäft werden lassen. Umgekehrt haben wir mit diesen Wahlen und der bearishen Schulter-Kopf-Schulter-Formation des Dollar-Index zwei (gegenläufige) Perspektiven vor uns, die beide ein erhebliches Potential freisetzen dürften. Sie kommen also nicht „zu spät“, wenn Sie bis nach den Wahlen in Italien warten.

EU-Gipfel: Verträge? Was für Verträge?

Peinlich: Erst war es § 123 der EU-Verträge (sgn. No Bailout-Klausel), die von der EU missachtet wurde, was für einen Großteil der heutigen Probleme verantwortlich ist. Und seit Freitag ist es § 323 der EUVerträge, gegen den die Regierungschefs beim Brüsseler EU-Gipfel zum EU-Haushalt verstoßen haben.

Denn dieser Paragraph legt fest, dass die Mitgliedsstaaten für das Geld gerade stehen, dass die EU zur Verfügung hat. Der jetzt von den Regierungschefs gefundene Kompromiss sieht jedoch für den EU-Haushalt von 2014 – 2020 sgn.  Verpflichtungsermächtigungen in Höhe von 960 Mrd. Euro vor, der jedoch sgn. Zahlungsermächtigungen in Höhe von nur 908 Mrd. Euro gegenüberstehen. In Deutsch heißt das:

Die EU will und darf 960 Mrd. Euro ausgeben, die Mitgliedsländer werden aber nur 908 Mrd. Euro zahlen. Oder noch anders formuliert: Die Netto-Empfängerländer der EU-Mittel konnten sich in Brüssel darüber freuen, über insgesamt 960 Mrd. Euro verfügen zu können, während die Nettogeberländer froh darüber waren, dass sie nur 908 Euro zahlen müssen. 52 Milliarden Euro sind ungeklärte Schulden.

Nach den Lissabonverträgen kann das nicht sein. Dumm nur, dass das EU-Parlament, das sich von den Staats- und Regierungschefs in der Vergangenheit zu Recht immer wieder ausgetrickst und übergangen gefühlt hat, diesen Beschluss noch absegnen muss. Und dort regt sich Widerstand. Einzig die Briten können wirklich zufrieden sein: Sie erhalten genau das zurück, was sie einzahlen.

Nicht dass der Verstoß gegen völkerrechtlich verbindliche Verträge und/oder Verfassungen eine europäische Eigentümlichkeit wäre. In den USA beschlossen die Senatoren im Januar mit 98 von 100 Stimmen (zwei Senatoren waren nicht anwesend) die Erweiterung des NDAA (National Defense Authorization Act).

Danach kann der Präsident nach eigenem Gutdünken jemanden zum Terroristen erklären, was es dem Militär oder dem Geheimdienst erlaubt, ihn wie auch immer „aus dem Verkehr zu ziehen“ – ohne dass er das Recht hätte, irgendjemanden anzurufen, ohne dass er das Recht auf einen Anwalt hätte und ohne dass seine Verwandten in irgendeiner Weise über seinen Verbleib informiert würden. Das hatten sich die Väter der Verfassung im „land of the free“ etwas anders vorgestellt. Aber zu etwas Erfreulicherem, das durchaus auch Züge einer in den letzten Jahren immer wieder aufgeführten Komödie hat:

Das große Geld – wo fließt es denn?

Ja ja, ich weiß schon. Und Sie wissen es auch: Die Großanleger wie Fonds oder Versicherungen sitzen auf Bergen anlagebereiten Geldes, das nur darauf wartet, in den Aktienmarkt zu fließen und dort die Kurse ins Unermessliche steigen zu lassen. Zum letzten Mal habe ich das Anfang des Monats gelesen, garniert mit einer peppigen Prognose eines DAX-Standes von 15.000. Andererseits kommt diese Prognose hier seit Jahren so oft vorbei wie eine streunende Katze. Stichhaltiger wird sie dadurch aber nicht. Denn wenn die Großanleger warten, warten und warten, muss doch einmal die Frage erlaubt sein, auf was sie denn angeblich warten. Ein günstigeres Umfeld für Aktien kann es – landläufiger Einschätzung zufolge – zumindest von der Zinsseite her ja gar nicht geben.

Stellt man die gebetsmühlenartig vorgetragenen Sprüche der auf den Einstieg in den Aktienmarkt wartenden Anleger einmal auf den Prüfstand, ist das Ergebnis eher erheiternder Natur: Nach einer Studie des Chefstrategen von Bank of America Merrill Lynch, Michael Hartnett, sind in den vergangenen sieben Jahren an der Wall Street 819 Milliarden US-Dollar in Rentenfonds geflossen, während Aktienfonds Abflüsse von 573 Milliarden US-Dollar zu verzeichnen hatten.

Die nicht tot zu kriegende Mär der auf gewaltigen Kapitalbergen sitzenden Aktienfonds steht also eine ganz andere Wirklichkeit gegenüber. Abgesehen vom Januar, in dem es tatsächlich zu den höchsten Mittelzuflüssen in Aktienfonds seit Frühjahr 2000 kam, dünnen sich die anlagefähigen Mittel der Aktienfonds seit Jahren aus. Und auch dieses Kapital horten die Fonds nicht in etwa als Barreserve, die demnächst dann die Aktienkurse nach oben pushen könnte. Vielmehr haben diese Barreserven zum Wochenausklang bei 3,30 Prozent das Rekordtief von Mai vergangenen Jahres eingestellt.

Wenn Sie also auf die Großanleger warten, warten Sie vermutlich so ähnlich wie Estragon und Wladimir auf Godot warteten. Das langfristige Bild trägt dennoch etwas Positives in sich: Sollte die seit Jahren eindeutig zugunsten der Rentenmärkte fließende Liquidität einen Grund haben, ihre Richtung auf die Aktienmärkte zu fokussieren, könnte das tatsächlich eine schwungvolle Hausse auslösen.

Zinssteigerungen oder ihre Ankündigung wären vermutlich dafür der Auslöser. Denn sie bedeuten Kursverluste in den Rententiteln. Und dürften so gut wie sicher einen Einbruch der Kurse bei den völlig überbewerteten Festverzinslichen auslösen. Warum ich die Ankündigung von Zinserhöhungen auch für das Wirtschaftswachstum für das Mittel der Wahl halte, hatte ich ja unlängst hier dargelegt. Um es ganz kurz zu wiederholen: Die Aussicht auf teurere Kredite dürfte Investoren und Konsumenten sofort veranlassen, bisher aufgeschobene Investitionen anzugehen. Die Perspektive auf ein Festhalten der Notenbanken an ihrer Nullzinspolitik hingegen setzt keine Kauf- und Investitionsimpulse!

Apple: Test des zehnjährigen Aufwärtstrends

War es früher einmal die Aktie von „Big Blue“ IBM, der der Markt so etwas wie eine Signalfunktion für die Wall Street zuerkannte, hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr Apple in diese Schuhe gezwängt. Zu Recht, da die Aktie zwischenzeitlich von der Marktkapitalisierung der teuerste Titel auf dem Kurszettel war (heute wieder Exxon).

Seit ihrem Allzeithoch bei knapp über 700 US$ hat die Aktie mit dem angebissenen Apfel im Logo seit September allerdings massiv an Wert verloren – was ich ja hier auch frühzeitig thematisiert hatte. In der abgelaufenen Woche, Sie sehen es im Langfristchart, vollzog der Kurs eine Punktlandung auf der im April 2003 bei 6,57 US$ (!) gestarteten Aufwärtstrendlinie, konnte diesen Test aber erst einmal für sich entscheiden.

Vom Eis ist diese Kuh damit natürlich noch nicht, zumal die Umsätze in der Erholung schwächer waren als während der Abwärtsbewegung. Sollte Apple in den kommenden Tagen/Wochen diese nun eine Dekade alte Trendlinie unterschreiten, dürfte die Signalwirkung für die Märkte gewaltig sein – zumal davon auszugehen ist, dass dann der NASDAQ 100, der ja gerade eine formidable charttechnische Schulter-Kopf-Schulter ausbildet), dann ebenfalls ein Verkaufssignal abliefern wird.

Wahlen in Italien mit potentiellen Risiken für den Euro, gleichzeitig aber eine bedrohliche Chartkonstellation für den US-Dollar, ein erneuter Verstoß gegen die EU-Verträge, die enttarnte Mär von den auf immensen Kapitalsummen hockenden Aktienfonds und nicht zuletzt die brisante Lage der Apple-Aktie sind natürlich nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was mich für diese Woche an möglichen Themen „angesprungen“ hat. Aber schon allein diese Themen versprechen uns aufregende Wochen und schöne neue Trends.

Die Richtung? Egal!

Viel Erfolg, einen erholsamen Sonntag und beste Grüße

 

Axel Retz

www.private-profits.de

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

Posted in: Gastbeiträge

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Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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