By 10. Dezember 2014 Read More →

Rally am Hochpunkt – und nun lauert der Bär

Noch wäre es zu früh, eine erneute Talfahrt an den Aktienmärkten auszurufen. Aber unter der Oberfläche brodelt es recht kräftig. Nur noch 65 Prozent der Aktien im S&P 500 handeln über ihrer 20-Tage-Linie – erstaunlich bei einem Index, der am Rekordhoch steht. Dazu gesellen sich weitere beunruhigende Entwicklungen.    

Von wegen vorweihnachtliche Ruhe an den Finanzmärkten – gestern kam wieder richtig Schwung in die Kurse. Betroffen waren alle Asset-Klassen, egal ob Devisen, Anleihen, Aktien oder Rohstoffe, die Volatilität zog kräftig an. Der VDAX New schoss um 20 Prozent nach oben, dies war der kräftigste Anstieg seit dem Mini-Crash von Mitte Oktober. Absicherungen sind weiter gesucht, dies zeigt auch der ebenfalls recht zuverlässige SKEW-Index in den USA (berechnet aus Preisen von Optionen, die aus dem Geld liegen). Beim DAX schnellte das Handelsvolumen auf 4,05 Mrd. Euro auf Xetra und lag damit deutlich über dem 3-Monatsdurchschnitt von 3,5 Mrd. Euro. Schaut man etwas genauer hin, sticht vor allem Bayer hervor. Von den 221 Punkten, die der DAX in den Keller rauschte, steuerten das Dickschiff rund 45 Zähler bei. Die satten Verluste waren ein wesentlicher Grund, warum zwei Drittel der Indexwerte prozentual weniger einbüßten als der DAX. Hier wirkte sich besonders die hohe Gewichtung des Konzerns negativ aus.

In China zeigte der Markt besonders deutlich, was passiert, wenn Liquidität entzogen wird (seit Dienstag gelten strengere Regeln bei den Sicherheitsleistungen für kurzfristige Repo-Geschäfte). Auch die genauen Auswirkungen des starken US-Arbeitsmarktberichtes vom vergangenen Freitag sind sicherlich noch nicht vollständig eingepreist. Unter Investoren mehren sich nun die Sorgen vor der anstehenden Zinswende. Wie werden die Märkte nach Jahren einer extrem expansiven Geldpolitik auf einen ersten Zinsschritt reagieren? Die Antwort ist derzeit vollkommen offen. Für zusätzliche Unsicherheit sorgen zahlreiche weitere (Sonder-)Faktoren. Das Thema Griechenland rückt wieder in den Vordergrund und könnte für einen nervösen Start im kommenden Jahr sorgen.

Griechenland vor der Wahl

Vollkommen überraschend soll am 17. Dezember in Griechenland ein neuer Präsident gewählt werden. Mit dem früheren EU-Umweltkommissar Stavros Dimas gibt es zwar einen Kandidaten. Allerdings ist offen, ob er im Parlament die geforderte Mehrheit von mindestens zwei Drittel der Stimmen erhalten könnte. Nun läuft der Countdown: Sollte es nach drei erfolglosen Wahlgängen bis zum 29. Dezember keinen neuen Präsidenten geben, stehen vorgezogene Parlamentswahlen auf dem Programm. Die Befürchtung: Bei möglichen Neuwahlen könnte die eurokritische Syriza eine Mehrheit erhalten. Nicht nur für die Troika aus EU, EZB und IWF dürfte dies ein Schreckensszenario zum Jahreswechsel sein, auch viele Investoren würden verstärkt Kapital abziehen. Gewinnt Syriza die Wahl, droht ein erneuter Schuldenschnitt. Entsprechend kräftig ziehen die Zinsen an. Für 10jährige Papiere verlangten Anleger am Montag noch 7,25 Prozent, einen Tag später waren es mehr als acht Prozent. Bereits seit September legt die Rendite zu und könnte schon bald das jüngste Hoch bei 9,28 Prozent knacken.

Ölpreis-Schock greift auf den Bond-Markt über

Bedenklich ist zudem die Entwicklung im Bereich der US-Hochzinsanleihen. Der kräftige Verfall beim Ölpreis belastet bereits seit Wochen die Energiewerte. Aktien wie Halliburton, Peabody Energy, Royal Dutch Shell, Statoil, Transocean oder von der größten Fracking-Firma Continental Resources bildeten zuletzt neue Tiefs aus. Einige kleinere Energieunternehmen müssen bereits Zinsen von mehr als 10 Prozent zahlen, um neues Fremdkapital zu erhalten. Sollte dieser Trend auch auf andere Branchen übergreifen, wird es gefährlich. Besonders Konzerne, die viel Fremdkapital benötigen, könnten dann unter Druck geraten. Dazu zählen auch Unternehmen wie Tesla. Mit der Gigafactory plant der Autobauer enorme Investitionen. Die Aktie fiel gestern zeitweise auf das niedrigste Niveau seit Anfang August.

Abgerundet wird das Gesamtbild durch weitere Faktoren. Nächste Woche Mittwoch findet die letzte Fed-Sitzung in diesem Jahr statt. Möglicherweise ändert die Notenbank ihren Tonfall und stellt die Weichen in Richtung Zinserhöhung. Zwei Tage später findet der große Verfall an den Terminmärkten statt. Nach wie vor liegt bei 10.000 Punkten eine sehr hohe Long-Position. Die Stillhalter werden versuchen, dass die Papiere nicht mehr ins Geld laufen. Von daher dürfte jede Chance auf fallende Kurse verstärkt über den Terminmarkt unterstützt werden. Eine Abrechnung im Bereich um 9800 bis maximale 10.000 erscheint gut möglich.

Im gestrigen Chart-Webinaren haben wir uns zudem mit den Perspektiven für Gold beschäftigt. Auch hier sind zahlreiche Einflussfaktoren zu berücksichtigen, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Dazu einfach auf das Bild klicken:

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Posted in: Deutschland, Indizes

About the Author:

Franz-Georg Wenner ist regelmäßiger Gast beim Deutschen Anlegerfernsehen und gern gesehener Vortragsredner. Er hält regelmäßig Webinare und referierte unter anderem beim Verein Technischer Analysten Deutschlands (VTAD). Bei BÖRSE ONLINE war er sechs Jahre Online-Koordinator und Redakteur mit den Schwerpunkten Nebenwerte Deutschland, Zertifikate und Technische Analyse. Zusätzlich betreute er für die Commerzbank den Zertifikate-Newsletter ideas daily. Bereits seine Diplomarbeit im Fachbereich BWL der Uni Düsseldorf beschäftigte sich mit der Intermarket-Analyse.

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