By 23. April 2015 Read More →

Barrick Gold und Amex: Entscheidungsreif

Die vergangene Woche trübte den Haussiers am deutschen Aktienmarkt irgendwie den Blick auf das Frühlingserwachen. Hätten sie sich denken können: Bären halten zwar keinen richtigen Winterschlaf, wohl aber eine sgn. Winterruhe.

Das Wort Euphemismus hat seinen Ursprung im Griechischen: eu bedeutet „gut“, phemi steht für „ich sage“. Ein Euphemismus ist also nichts anderes als die sprachliche Beschönigung eines Sachverhaltes. Dass der „Solidaritätszuschlag“ in Wahrheit ein Abschlag ist, „Friendly Fire“ die versehentliche Tötung der eigenen Soldaten bedeutet, mit „Kollateralschäden“ der vielfache Tod Unschuldiger und mit „weichen Zielen“ Menschen gemeint sind, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen.

Griechenland darf sich heute ebenfalls mit einigen Euphemismen herumplagen. Die von der „Troika“ geforderten „Privatisierungen“ sind nichts anderes als das Verscherbeln von Volkseigentum zum Schaden der Allgemeinheit und zu Gunsten sgn. Investoren, die „Griechenlandhilfe“ bezeichnet die geschickt getarnte, europaweite Vergemeinschaftung verzockter Vermögen und Sozialraubzüge und Lohndumping tragen den schönen Namen „Reformen“.

Im Streit zwischen den Geldgebern und Athen haben sich die Fronten verhärtet. Griechenland will keine neuen Gelder der Troika mehr. Und das aus gutem Grund. Das fresh money fließt ja nun einmal gar nicht an Griechenland, wohl aber propft es auf die für das Land untragbare Schulden noch einmal neue auf, die die Lage letztlich noch unerträglicher machen.

Geht alles schief, wird die EZB über kurz oder lang an einem Wochenende (O-Ton Dr. Schäuble: „Bankeinlagen sind eine sensible Sache, daher macht man es am Wochenende.“) auf die Konten griechischer Banken zugreifen. Wie das so abläuft, wissen wir ja seit Zypern. Und die Griechen wissen es auch, weswegen sie ihr Bares von den Banken abziehen, was deren Lage natürlich nur noch verschlimmert.

Die neueste Idee aus Brüssel, Griechenland auch dann weiter im Euro zu halten, wenn das Land seine Schulden nicht mehr begleichen kann, sollte man sich vielleicht noch einmal überlegen, denn auch das könnte schneller als erwartet Schule machen. Vor allem aber: Am 7. Mai finden in Großbritannien Unterhauswahlen statt. Und dort wird man sehr sorgfältig zusehen, wie sich die EU nun gegenüber Athen verhält. Ebenso in Spanien und Portugal, wo in diesem Jahr ebenfalls noch Wahlen anstehen.

Warum niemand auf die Idee kommt, dem Land einfach einmal zehn oder zwanzig Jahre seine Schulden zu stunden und mit einer „echten“ Griechenland-Hilfe“ für eine ökonomische Genesung zu sorgen, bleibt schleierhaft. Dinge auf die lange Bank zu schieben, hat seit Altkanzler Kohl Tradition. Bei Angelegenheiten wie etwa dem Klimawandel oder der sich abzeichnenden Altersarmut als Massenphänomen ist diese Strategie ebenso beliebt wie dämlich, im Falle Griechenlands wäre sie vermutlich die Lösung.

DAX: Die Bären erwachen

Dass der stärkste Wochenverlust des DAX seit 2011 ausgerechnet mit sich überschlagenden Anhebungen der Wachstumsprognosen für Deutschland durch die großen Wirtschaftsforschungsinstitute zusammenfiel, passt wie die Faust aufs Auge.

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Sentimenttechnisch passt alles bestens ins bekannte Muster: Die Aussichten werden immer bullisher, die Analysten und Wirtschaftsforschungsinstitute auch. Und aus den Medien rieselt die Dauerberegnung mit positiven Statements zum Aktienmarkt. So etwas, ich schrieb es ja bereits, ist immer höchst verdächtig für eine Trendwende.

Ob diese Trendwende aber kommt oder wir gerade nur eine überfällige Abkühlung der heiß gelaufenen Kurse erleben, das wird sich erst in den kommenden Tagen zeigen. Wir hatten am Freitag mit dem kleinen Verfalltag der Terminbörsen zu tun, der die Kurse gerne auch mal einmal für kurz verzerrt. Aber:

Den seit Jahresbeginn etablierte Haussekanal hat der DAX nun massiv nach unten durchbrochen. Zeitgleich dazu wechselte das 20 Tage-Momentum, das am 13. Januar auf die Kaufseite gewechselt hatte, nun wieder nach unten. Ich meine: An sich sind das bereits durchaus belastbare Verkaufssignale. Wer auf „Nummer sicher“ gehen will, wartet nun noch zu, bis der DAX unter 11.600 und damit unterhalb des Tiefs vom 16. März schließt. Mit engen Stopp sollten versehene Puts sind dann das, was ich als einen richtig guten Trade bezeichnen würde.

Rohöl: Warum man könnte, aber nicht sollte

Bei Rohöl hatte ich klipp und klar ausgeführt, entweder beim Erreichen eines neuen Jahreshoch oder aber -tiefs eine neue Position zu installieren. Den Lesern meiner Börsendienste habe ich aber jetzt keine Einstiegsempfehlung übermittelt. Warum nicht? Ganz einfach:

Was sich hier im Öl-Chart zeigt, entspricht recht genau dem, was ich in der Vorwoche zum Kupfer gesagt hatte (mehr dazu gleich): Hier scheint sich eine charttechnische „Flagge“ zu entwickeln. Ein ordentliches Kaufsignal müsste von einem Aufsteigen des Momentums über 100 flankiert werden, und das liegt aktuell gerade mal bei 87,65. Sehe ich mir die harten Konjunkturdaten aus China, den USA oder der EU an, wird es auch von fundamentaler Seite her betrachtet, immer schwerer, einen Anstieg des Ölpreises zu rechtfertigen. Kurzum:

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Ich gehe davon aus, dass der jüngste Preisanstieg bald beendet sein und in einen neuen Schub nach unten einmünden wird. Theoretisch hat Öl in der Sorte Brent jetzt noch Luft bis ca. 70 US$/barrel. Für mich aus heutiger Sicht wahrscheinlicher ist, dass wir binnen Kürze – nach dem Ausbruch des Preises aus der „Flagge“ nach unten, eine neue Put-Chance bekommen werden, die den Ölpreis bis auf 30 US$/barrel oder tiefer führen könnte.

Wenn einem zu einem geplanten „sicheren“ Trade Bedenken kommen, dann sollte man ihn einfach nicht machen. Und genauso halte ich es jetzt beim Öl!

Kupfer: Punktgenauer Test

Kupfer bleibt für mich weiterhin eines der heißesten Eisen überhaupt – eine Formulierung, die nur die Chemiker unter Ihnen nicht verstehen können. Aber in der vergangenen Woche absolvierte das Industriemetall einen wirklich perfekten Test der unteren Begrenzung der Ihnen in der letzten Woche hier vorgestellten charttechnischen „Flagge“. Sie wissen, wie ich die Sache sehe:

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Diese Geschichte wird sich nach unten auflösen. Und uns den nächsten phantastischen Put-Trade auf Kupfer sozusagen auf dem Tablett servieren!

American Express: Klare Sache

Ob Sie meine seit Jahren jeweils mittwochs für Börse online verfassten Kolumnen lesen, weiß ich nicht. Vielleicht sollten Sie es.

In der Vorwoche hatte ich dort zwei Dow Jones-Aktien vorgestellt, die Ihre unbedingte Aufmerksamkeit verdienen: American Express und Caterpillar. Amex war gestern der größte Tagesverlierer, was meiner Einschätzung sehr fein in die Hände spielt. Sehen Sie sich den Chart selber an:

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Ja, Potzblitz: Hier ist tatsächlich der seit dem Frühjahr 2009 bestehende Aufwärtstrend nach unten durchbrochen worden. Und am Freitag vollführte der Kurs eine Punktlandung auf der seit Februar etablierten, waagerechten Unterstützung. Bricht sie, hat AMEX aus charttechnischer Perspektive Luft bis 60 US$. Einfach mal hinschauen, bitte!

Barrick Gold: Entscheidungsreif

In den vergangenen Wochen hatte ich Ihnen die Aktie des weltgrößten Gold-Unternehmens, Barrick Gold, vorgestellt, deren gigantischer Niedergang nur noch von den währenddessen veröffentlichten Einstiegsempfehlungen in diesen Titel übertroffen wurden.

Per gestern ist der Kurs der Aktie nun ganz exakt an die von Kurshoch 2011 ausgehende Abwärtstrendlinie heran gelaufen. Knackt er sie, steht als nächste Hürde der ziemlich hart wirkende Widerstand nahe 14 US$ im Weg. Fällt auch diese Bastion, sind aus charttechnischer Sicht sofort 50 Prozent Gewinn drin.

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Aber seien Sie auf der Hut. Der Bruch einer sehr langfristigen Unterstützung wie hier darf nicht unterschätzt werden. Warten Sie also bitte ab, bis die Bullen ihre Aufgabe abgearbeitet und die 14er Marke bezwungen haben. Ansonsten bleibt es bei meiner Aussage: Unter 10 US$ hat der Titel Abwärtsspielraum bis ca. 5 US$, was ja nun auch 50 Prozent wären.

In eine aktie verlieben darf man sich nicht. In die Chancen, die sie bietet, aber schon. Und deswegen habe ich Barrick Gold nun sozusagen ins Herz geschlossen.

Viel Erfolg und beste Grüße

Axel Retz

 

 

 

 

 

About the Author:

Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“

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